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  • freudholdriesenhar

Wie zieht man den Stachel der Lust?

Blog 37


So passiert ihm, Henri, das Ungeheuerlichste und Schlimmste, was einem verheirateten Mann passieren kann: Er verliebt sich in eine andere Frau.

Er verliebt sich in die Cancannière Frisette. Und er verliebt sich wirklich. Mit Urgewalt, wie mit entfesselnder Zyklonenkraft reißt es ihn aus seiner bewährten Verankerung, zerbricht das gefrorene Meer in ihm und drängt ihn mit leidenschaftlicher Gewalt zu ihr hin. Nicht einmal ein moderner Dichter wie Gerhart Hauptmann sieht da – in ,Einsame Menschen', Drama in fünf Akten – eine Lösung.

Frisette ist eine so aufrichtige Verehrerin, wie er seit der kleinen Schweizerin Vreneli oder Lottchen von der Landwehr keine mehr hatte. Hätte seine Verliebtheit auch nur einen Funken Hoffnung, würde er sich wie bei all seinen neuen Flammen, für die er sich mit Leib und Seele aufsparen will, jetzt aller sexuellen Gedanken an sie enthalten.

So aber, da er verheiratet ist und seine neue Leidenschaft keine Aussicht auf Erfüllung hat, muss er sie so schnell und wirkmächtig wie möglich wieder aus seinem aufgerührten Blut heraus kriegen. Das aber geht, weiß er aus Erfahrung, nur auf eine ganz bestimmte Weise.

Wäre er frei, würde er sich wie immer, wenn er frisch verliebt ist, im Gedanken an sie aller Selbstbefriedigung enthalten. So aber, da er Mathilden jedenfalls äußerlich treu bleiben will, gibt es keine andere Möglichkeit, die junge Frisette einigermaßen wieder aus seinem Blut zu löschen. Er weiß schon, wie.

So liegt er spätnachts ruhelos neben Mathilden im Bett. Immer noch spürt er den Pfahl im Fleische, der ihn schon den ganzen Abend lang stach und nur während der Heimfahrt in der Droschke scheinbar abgeflaut war. „Als ich ein Knabe war, fühlte ich immer“, schreibt er, „eine brennende Sehnsucht, wenn schöngebackene Torten, wovon ich nichts bekommen sollte, duftig-offen bei mir vorüber getragen wurden; späterhin stachelte mich dasselbe Gefühl, wenn ich modisch entblößte, schöne Damen vorbeispazieren sah.

Und ,stacheln' ist ein starkes Wort! Er kennt es gut, dieses Stacheln, wie stets, wenn ihm die Erscheinung einer fremden Frau, ihres Gesichts, einer Schulter, eines Schenkels oder Hinterns, die ihn während des Tages überfallen und sich in sein Fleisch gegraben hat, nicht mehr aus dem Sinn, aus den Sinnen geht, ihn, wenn er sich nicht davon befreit, bis in den Abend und noch in Schlaf und Traum hinein verfolgt und tyrannisch knechtet. Es ist dann, als erfülle ihn das Bild dieser Frau vom Scheitel bis zur Sohle, bis unter die Schädeldecke hinein, mit einer warm glühenden Sinnlichkeit.

Natürlich ist es das elektrochemisch prickelnde Feld der sexuellen Erregung in seinem Gehirn zusammen mit den apéro-light-gleich ausgeschenkten endogenen Drogen und Endorphinen, die gleichwohl bereits den ganzen ekstatisch berauschenden Cocktail verkünden. Tausend kleine Flämmchen flackern über sein Nervengewebe hin, schießen lodernd auf, lassen ihm keine ruhige Minute mehr, bestehen hartnäckig darauf, weiter zu schwelen, zum Schwelbrand zu werden und als wollüstig verzehrender Steppenbrand über die Savanne seines Zentralnervengewebes zu rasen...

So ist es jetzt mit Frisette und ihren hochgeworfenen Beinen unter den knallig roten Dessous und den durchsichtigen bis zur Mitte der schlanken Schenkel reichenden Strümpfen, wie sie, mit einem dreifarbigen Rüschchen in den Farben der Tricolore abgeschlossen und mit geilen Strumpfbändern an den Hüften festgeschnallt, ihm unausrottbar ins Blut geritzt sitzen. Dabei fühlt er sich, der annähernd Vierzigjährige, wie mit siebzehn. Das stachelschweinige Jucken kommt von ganz innen aus den hintersten Behausungen seines Blutes, den entlegensten Verästelungen seiner Physiologie, der Myriaden von Dendriten, Synapsen, Axonen hervor und erfüllt sein ganzes Nervensystem, und er weiß, es gibt nur eine Option, eine einzige, sich der pritzelnden Spannung zu entäußern und aus sich herauszujäten: indem er sie gerade konsequent weiter steigert und durch ihre Entladung zum Verschwinden bringt!

Soll er mit Mathilden schlafen? Sie wecken und versuchen, an ihrem Fleisch die Lust zu büßen, mit der ihn das Bild der andern erfüllt? In derselben Art Ehebruch im Ehebett, wie man ihn von Lolita und zahllosen anderen Nymphchen her kennt? („Es gibt Männer“, liest man in der klaren Sprache der Psychoanalyse bei Sándor Ferenczi, „die mit ihren Frauen, trotz der Abnahme der Libido, häufig sexuell verkehren, dabei aber in der Phantasie die Person der Frau durch eine andere ersetzen, die also gleichsam in vaginam onanieren.“ Und von einer Abnahme der Libido kann hier eigentlich keine Rede sein.)

Mit einem unmerklichen Seitenblick versichert er sich, dass Mathilde, mit ruhigen Atemzügen leise schnarchend, bereits schläft. Sie hat überhaupt einen beneidenswerten Schlaf und keine Ahnung von seiner lausigen Insomnie. Er könnte sich seitwärts von hinten an sie heranmachen und sie sanft wecken, und sie würde sich ihm wie stets nicht verweigern. Nein, das kann man ihr nicht nachsagen, dass sie sich ihm jemals verweigert hätte.

Aber nein! Nach allem, was er weiß, ist das keine Lösung: Er kann dem libidinösen Dämon – hormonellen Erregungsmuster – in seinem Blut, mit der ihn das Verlangen nach einer bestimmten Frau erfüllt, nicht dadurch genügen, und sich eben dadurch befreien, dass er es stellvertretender Weise am Fleisch einer andern abreagiert.

Sicher gibt es, wenn man eine Frau begehrt, eine Myriade damit verknüpfter Empfindungen und Bedürfnisse des Körpers und der Seele: Man will, dass die Frau von sich aus was für einen empfindet und übrig hat; dass sie einen selbst attraktiv findet; dass sie sogar ein bisschen in einen verliebt ist; dass sie einem von sich aus zu Willen ist und sich aus freien Stücken hingibt; dass sie Sex mit einem haben will; etc. Alle diese Wunschvorstellungen und Implikationen sind im Neuronengewebe seines Zentralnervensystems durch Zellen und den in ihnen enthaltenen Molekülen materiell verschlüsselt. Es gibt nicht die kleinste Sehnsucht und Regung nach einer Frau, die nicht solcherart neuronal kodiert wäre. Dieselben Zellen und Moleküle sind dann im Wesentlichen mit solchen Zellen und Molekülen korreliert, die seine libidinöse Lust bedingen. Die Materie lässt sich nicht betrügen.

Daher, dass ihm, um seine Lust und Libido zu büßen, ganz spezifisch auch das Bild der Frau vorschweben muss, der diese Empfindungen und Sehnsüchte ursprünglich gelten. Das koitierende Fleisch kommt ohne die Hilfe der Phantasie nicht aus – ein Verhältnis, das nicht symmetrisch ist: Seine Phantasie kommt sehr wohl, und besser, auch allein ohne das Fleisch zurande – Mathildens oder einer andern.

Das Surrogat in Mathildens Schoß aber wäre nicht eigentlich die authentische Befriedigung des genuinen Reizes, des Sex-Appeals Frisettes, es wäre nur eine uneigentliche, entfremdete Version, dem uranfänglichen Verlangen nicht adäquat, das es daher auch nicht restlos befriedigend eliminieren könnte.

Sein Verlangen nach einer Frau ist stets ein tief und radikal im physiologischen Urgrund der Seele verschlungenes Gewächs, das, um das Verlangen befriedet zu hinterlassen, in ebensolcher Radikalität mit all seinen Verschlingungen entwurzelt und ausgerissen werden muss!

Oder sollte es eher heißen: wie ein malign eingeschlichener Fremdkörper und Tumor in seinem Fleisch, der mit allen seinen Auswüchsen und verästelten Metastasen mit chirurgischer Präzision herausoperiert und entfernt werden muss?

So auch bei Grisette. Beim Orgasmus in Mathildens Schoß wäre es, als risse der Stängel des libidinösen Gewächses kurz über der Erdoberfläche ab, und es verbliebe bloß bei dem obererdigen Teil, während das ganze unterirdisch weitverzweigte Wurzelwerk des Verlangens unangetastet und unversehrt im Untergrund verhaftet bliebe und ihn weiter umtreiben würde. Das neuronal entzündete Feld in seinem Gehirn würde gleichsam nur marginal und am Rande entladen, und der Steppenbrand, der in ihm schwelt und aufflammen will, würde, nur leicht erstickt, in Wahrheit unterirdisch weiter schwelen. Wie anders aber könnte er sich davon befreien, als die Brunst voll und ganz zu löschen?

Nach allem, was er weiß, geht das nur durch Selbsterregung. Einer authentisch mentalen, phantasiebedingten Sehnsucht ist immer auch nur durch die Phantasie selbst beizukommen. Einem so tiefverwurzelten Verlangen, mit dem ihn Frisettes Bild erfüllt, kann höchstens die schimärische Lust mit Frisette selbst genügen; – ,höchstens', wie er bewusst einschränkt, da er aus Erfahrung weiß, dem sinnlichen Erregungsmuster des libidinösen Verlangens ist gemeinhin – schnöder- und gemeinerweise, wenn man will – nicht einmal durch den körperlichen Besitz der Frau selbst zu genügen: Kein Fleisch, auch das ihre nicht, kann halten, was die Libido verspricht, so heiß verheißt.

Dem libidinösen Verlangen ist nur durch die Phantasie selbst zu genügen. So paradox es klingt: Der ideale sexuelle Genuss einer Frau besteht gar nicht in ihrem physischen Besitz – bei dem man sowieso nichts besitzt –, sondern darin, sich anhand ihres Bildes, ihrer Imago, selbst zu befriedigen. Die Schönheit liegt in den Augen des Betrachters; und also auch deren Genuss. Umgekehrt dürfte in Ermangelung des vaginalen Orgasmus das noch mehr für die Frauen selber gelten!

Es ist, als könnten die vom sinnlichen Eindruck des Sexualobjekts – psychologisch, der Imago: einer Personifikation, die nicht allein visueller Herkunft ist, sondern sämtliche existenziellen Dimensionen mit umfasst – ausgehenden Reize und gereizten Zellen des libidinösen Systems auch wieder nicht anders als durch die Wirkung der Phantasie selbst erschöpfend zum Feuern gebracht werden, wogegen der anonyme Kontakt des Fleisches nicht die richtigen zellulären und molekularen hedonistischen Zentren findet. Wie bei Büchners ,Danton': „Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nach einander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab. Wir sind sehr einsam.“

Also ist auch der durch Frisette entfachte seelisch-sinnliche Tumult in Henri nur dadurch zu befrieden, dass er sich im Gedanken an Frisette selbst befriedigt. Der in sein Fleisch gesenkte Stachel kann auch nur anhand ihres identisch reproduzierten Erscheinungsbilds wieder entfernt werden.

Und das duldet auch keinen längeren Aufschub mehr, so aufgewühlt er durch seine Erinnerung an sie ist. Er spürt genau, es braucht nicht viel zu dieser Befreiung. So prall bis in die äußersten Fasern seines Nervensystems hinein erfüllt ihn ihr Appeal – der physiologische Stimulus –, dass es nur weniger Manipulationen bedarf, bis in der Explosion seines Blutes er ihrer Imago sich ekstatisch entleert und entäußert.

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