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Wie kam es zur Evolution des Paradieses?

Blog 136


Jawohl, meine Damen und Herren Blogger, die evolutionäre Natur hatte wohl überhaupt keine andere Wahl, als den Fortpflanzungstrieb der Säugetiere eben so einzurichten, wie sie ihn de facto eingerichtet hat!

Die evolutionäre Entwicklung musste den sexuellen Instinkt notwendig über die sinnliche Wahrnehmung, und da vor allem wohl den Gesichtssinn, sowie die Macht der erotischen Phantasie etablieren – das ist der Grund allen Schlamassels, der eigentliche ,Sündenfall' des Lebens.

Hatte der Mythos der ,Genesis' des Alten Testaments vielleicht eine Intuition davon?

In meinem Buch ,Die Evolution des Paradieses' versuchte ich zu schildern, wie der naturgeschichtliche Prozess sich logisch abgespielt haben könnte: Zuerst musste schon den primitivsten Organismen, um ihre Art zu erhalten – ja, um überhaupt erst eine biologische Art entstehen zu lassen –, beim Akt der Fortpflanzung ein Gefühl der Lust eingepflanzt werden; denn hätten sie dabei kein besonders lustvolles Gefühl, – warum dann sollten sie den Akt der Fortpflanzung überhaupt erst ausführen und ihre Art erhalten wollen?

Eine Hand wäscht die andere. Es musste den Lebewesen, durch Einverleibung und Inokulation entsprechender Hormone und Moleküle, ein ganz instinktives Bedürfnis nach sexueller Lust und seiner Befriedigung eingeimpft werden; und geschehen ist das in Form einer gewissermaßen nachgerade suchtartigen Abhängigkeit – eines Gefühls quälerischen physiologischen Entzugs –, wo dem Tier so lange nicht wohl in seiner Haut ist, als er das periodisch immer wieder spürbare unkratzbare Jucken und den stacheligen Reiz des Fleisches nicht sexuell abreagiert. Das findet sich expressis verbis schon bei Schiller: „Wollust ward demWurm gegeben“; Vernunft nicht.

Inzwischen sahen wir sogar – zuerst und vor allem an der primär klitoralen Wollust der Frau –, die Fortpflanzung und Erhaltung der Art waren vielleicht gar nicht die ursprüngliche Raison d’être für die Sexuallust in der Welt: Die Libido könnte ursprünglich sehr wohl als autonome Quelle der Lust des individuellen Lebewesens an sich entstanden – und erst in zweiter Linie der Fortpflanzung der Lebewesen verfügbar gemacht worden sein.

Dabei kann die Natur auch schon mal – in Form der biologisch so genannten Luxusbildungen – übers Ziel hin aus schießen: „Ich habe dieses Elend mit mir zur Welt gebracht“, schreibt Heinrich Heine, dem der Arzt Paul Möbius eine ,überstarke, ans Pathologische grenzende Sexualität' bescheinigt. „Es lag schon mit mir in der Wiege, und wenn meine Mutter mich wiegte, so wiegte sie es mit, und wenn sie mich in den Schlaf sang, so schlief es mit mir ein, und es erwachte, sobald ich wieder die Augen aufschlug.“

Aber was heißt hier überstarke Sexualität? Was heißt hier biologischer Luxus? Wie zwischen einem Menschen mit einem gesteigerten libidinösen Temperament und einem dezidiert Süchtigen unterscheiden?

Schon der Sexualforscher Alfred Kinsey mokierte sich: „A nymphomaniac is a woman who has more sex than you do. Eine Nymphomanin ist lediglich eine Frau, die mehr Sex hat als Sie“!

Als Nächstes aber mussten schon die primitiven Organismen Kenntnis davon gewinnen, wie sie auf natürliche Weise zur Befriedigung ihres instinktiven Triebbedürfnisses kämen. Die evolutionäre Natur musste den männlichen Tieren eine gewisse Idee des Weiblichen – alias ein von Konrad Lorenz so genanntes Weibchenschema – einimpfen, an dem sie sich orientieren, und anderseits den weiblichen Tieren ein Männchenschema einverleiben, an dem diese sich orientieren.

Wie aber hat die Natur das zustande gebracht?

Die Frage nach dem sexuellen Instinkt, den jeder kennt, scheint trivial. In Wahrheit ist sie alles andere als das. Wenn der Hans die Grete küsst – so der Danziger Psychologe Semi Meyer in seinem Werk ,Probleme der Entwicklung des Geistes' von 1913 –, macht ihm das Vergnügen. Wie er dazu kommt, diese Annehmlichkeit zu suchen, aber ist eines der schwierigsten Probleme der Geistesentwicklung: Wenn es den Hans schon treibt, wenn er innerlich unruhig ist, – woher weiß er, dass er bei der Grete Ruhe findet? Er hat ja kein Wissen von dem, was er dort findet, wenn er noch gar nicht bei der Grete war und selbige Ruhe fand?

Wie also wird die Sinneswahrnehmung, so die Befriedigung der Lust – den Ausgleich des hormonellen libidinösen Entzugs – verspricht, spezifisch auf die Natur des jeweils anderen Geschlechts fixiert?

Es braucht eine Art inokuliertes Inbild, einen ,Instinkt' – eine ,angeborene Idee' – auf Hansens Seite, oder aber eines natürlichen Signals auf Seiten Gretchens, das den Hans zu ihr hinzieht. Das Signal kann aber nicht wirken, wenn der Hans keine besondere Empfänglichkeit dafür hat. Wie ist diese Empfänglichkeit physisch oder mental realisiert? Es bedarf eines unsichtbaren instinktiven Hakens, der den Fisch an die Angel lockt. Gleichwie in Shakespeares 129stem Sonett: „… wie ein verschlungner Köder, Gelegt, den Fisch verrückt zu machen. Verrückt in der Begier, verrückt noch im Besitz...“

Ist dieser ,Köder' angeboren oder erlernt? Phylogenetisch verankert oder ontogenetisch entwickelt? Ist dieses Inbild eine angeborene Idee im Sinne Descartes' und des ihm folgenden Evolutionsnativismus, oder ist es ein erfahrungsmäßig erworbenes Wissen der Einzelperson im Sinne John Lockes und des Evolutionsempirismus? Ich diskutiere das in meiner ,Kritik der Evolutionären Vernunft' in aller Ausführlichkeit und bin ganz der Ansicht Meyers, das sei eines der schwierigsten Probleme der Geistesentwicklung!

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