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  • freudholdriesenhar

Wie begeht man Ehebruch im Ehebett – 3?

Blog 41


Zugleich schielt er schrägen Auges nach Mathilde, ob sie nichts von seinen Umtrieben gemerkt hat.

Aber nein, ihr Schlaf ist tief und gesund, so leicht nicht zu stören. Ruhig und gleichmäßig schnarcht sie pfeifend weiter, während er seines noch immer stoßweise gehenden Atems wegen eine Weile die Luft anhält.

Als er wieder frei zu atmen wagt, bleibt er trotzdem noch etwas regungslos liegen, dass nicht ein verspätetes Nachbeben seiner Lust ihre Aufmerksamkeit doch noch erregt. Würde sie jetzt wach werden, müsste er, um sie nicht weiter zu irritieren, mit seinem triefenden Glied ruhig in der Socke verharren, während das Sperma weiter diffundierte; würde sie, Mathilde, sogar – was allerdings selten vorkommt – verlangend nach seinem Ding greifen, müsste er mit unmerklichem Griff die Socke rasch entfernen und neben das Bett zu Boden oder unters Nachttischchen gleiten lassen.

Er müsste sich tief und unerweckbar schlafend stellen, würde sie von seinem ausgelaugten Geschlecht jetzt doch so wenig profitieren können wie damals Désirée, die ihn gerade zur Unzeit heimsuchte, nachdem er die Lust, die sie ihm zukommen lassen wollte, mit ihrem Bild kurz zuvor eigenmächtig gebüßt hatte, – so dass sie unterm Eindruck rätselhafter Impotenz unverrichteterdinge hat leer ausgehen müssen … –

Mathilde aber intendiert nichts dergleichen. Nachdem er sich ihrer regelmäßigen Atemzüge versichert hat, fängt er mit den Aufräumungsarbeiten an. Wie Kehraus im Karneval. Zuerst streift er die nasse Socke ab. Sein Ding hat sich jetzt, schlaff und ausgepowert, so verkrümelt, dass die Socke sich gleichsam, als wäre sie völlig leer, wie von selber abschält. Würde man es in der Socke suchen, würde man's kaum mehr finden. Dagegen wiegt die Wolle jetzt so nass und schwer in seiner Hand, dass er sich sorgt, ob nicht etwas von dem Saft durchsickert und in den Pyjama geht.

Doch steckt er sie mit ein paar Griffen leicht in die trockene Schwester vom Nachttisch, durch deren Stoff es nicht so leicht durchdringen wird. In der Tat fühlt das ganze Bündel, der ganze hybride Wechselbalg von Doppelsocke, sich relativ unverfänglich an. Als Präservativ natürlich wäre es absolut nichts wert, da durch die doppelte Stoffschicht nicht nur alles Gefühl abgedämpft, sondern mählich auch das Sperma zu möglicher Empfängnis nach außen durchsickern würde. Die Dirn würde dann so unverhofft schwanger wie bei Kleist die Marquise von O... Er lässt das verräterische Bündel, Corpus delicti seiner ehebrecherischen Lust, unhörbar auf dem Boden unterm Nachttisch verschwinden, wo Mathilde es am allerwenigsten aufstöbern wird.

Jetzt kann er auch ohne übertriebene Rücksicht auf sie die Schlafanzughose wieder hochziehen. Ebenso begradigt er sein rechtes aufgestelltes Bein durch schrittweise Vergrößerung des spitzen zu einem gestreckten Winkel wieder in die Horizontale. Schließlich zieht er die Decke über sich – und es ist ganz so, als wäre die ganze Zeit über nichts weiter gewesen.

Und doch ist etwas gewesen! Es ist für einen Erotomanen wie ihn sogar sehr viel gewesen. Er ist völlig entspannt. Wie immer nach einem erschöpfenden Orgasmus spürt er es sogar am entspannten Zustand seiner Gesichtshaut. Sein Gehirn ist wie frisch durchspült und so herkulisch gereinigt wie der Stall des Augias. Kurz zuvor noch in höchster sexueller Exzitation, in einer fast schon neurotischen Panik, ist davon so gut wie nichts mehr übrig, und auch Frisettes reizendes Bild ist bis zur Schattenhaftigkeit verblichen. Zugleich mit dem durch sie bedingten Sinnesreiz ist auch ihr neuronales Engramm in ihm wie ausradiert.

Aber nicht ganz. Jetzt, da der träumerische Schaum seiner physischen Leidenschaft – ,das Zweierlei, das uns so lang betöret; die dumme Leiberquälerei' – zerstob, bleibt – wovon Mathilde aber noch weniger wissen darf – als Bodensatz des geleerten Kelchs, als Hefe seiner Lust, seine wahre Liebe zu ihr.

Er hätte sie nicht in der Phantasie geliebt, wenn er sie nicht auch wirklich liebte; – oder er liebt sie wirklich, weil er sie in der Phantasie lieben wollte. Irgendwie läuft es auf dasselbe hinaus. Und auf eine bestimmte irrationale Art ist er ihr dankbar, ihm eine Ekstase wie diese verschafft zu haben …

Am Morgen nimmt er aus dem Schrank ein paar frische Socken. Die gebrauchten lässt er so lang unterm Nachtschrank liegen, bis sie von selber getrocknet sind, dann zieht er sie hervor und trennt sie voneinander, indem er die innere leicht verklebte Socke aus der äußeren zieht. Nur die innere zeigt die Spur seiner Lust in Form eines großen, klar umrandeten hellen Flecks getrockneten Spermas. Mathilde könnte immer noch fragen, woher die Flecken kommen, doch könnten sie auch von feucht gewordenen Schuhen stammen. Um auf Nummer sicher zu gehen, zerreibt er den Stoff etwas zwischen den Fingern, so, wie man sie waschen würde, wobei das getrocknete Sperma in kleinen Staubwölkchen abgeht – Spermienstaub!, vermutlich ist auch Io, Tochter des Flussgottes Inachos und der Melia, so von Jupiters Wolke geschwängert worden.

Danach sieht die Socke ziemlich harmlos aus, Mathilde wird, wenn er sie in die Wäsche gibt, nichts Verdächtiges mehr daran finden. An einer so trockenen, noch dazu sorgsam ausgestaubten Socke hätte nicht einmal Frau Elizabeth Kiehl, die das Sperma angeblich aus zehn Metern Entfernung riecht, noch was Verdächtiges mehr auszusetzen. Wenn sie nicht gerade obszön hinterherschnüffelnd daran riecht. So eine Socke im Wäschekorb würde nicht einmal ihr auffallen.

Obwohl. Bei einer Frau mit Erfahrung weiß man nie! Mathilde ist aber viel zu arglos. Daher gibt er sie guten Gewissens in die Wäsche.

Die Frage ist nicht ganz ohne Belang, denn sein verstohlenes Abenteuer wiederholt sich. Zu wiederholten Malen überfällt ihn nächtens im Bett neben Mathilden, wie wenn er ihre Gegenwart brauchte, die Erinnerung an eine fremde Frau, die sich ihm tagsüber durch irgendein besonderes Merkmal ins Blut geprägt hat, aus dem sie anders nicht mehr herauszubekommen ist. Er nennt es den hedonistischen Exorzismus: die einzige Art, einen erotischen Reiz abzutöten, zu mortifizieren, der ihm ansonsten tagelang wie ein Stachel schwärend im Fleisch stecken würde; denn „es stand geschrieben, dass er von dem großen Übel, den Pocken des Herzens, stärker als andere Sterbliche heimgesucht werden sollte. Jedes Weib ist mir eine geschenkte Welt, ich schwelge in den Melodien ihres Antlitzes, und mit einem einzigen Blick meines Auges kann ich mehr genießen als andere mit ihren sämtlichen Gliedmaßen zeit ihres Lebens.

Aus moderner Sicht heraus verstanden, hat er von den Neurotransmittern und Hormonen – Endorphin, Serotonin, Dopamin, Noradrenalin, mal geschüttelt, mal gerührt', das Phenylethylamin und Oxytocin nicht zu vergessen! – in unserm Gehirn, die beim Appeal einer sexy Frau freigesetzt werden, ungleich mehr als andere normale Sterbliche. Der Eindruck seiner Blicke wird zum Abdruck in seinem Blut, der wieder gelöscht werden muss. Da bewährt sich die Strategie mit den Spermasocken, die praktischerweise immer in greifbarer Nähe am Bettrand liegen.

Zwar ist es Ehebruch im Ehebett, dabei aber noch eine relativ keusche Art der Untreue in Vergleichung damit, dass er sich nicht allein mit der Spielart in effigie begnügen würde. Hat er sich solcherart mental von der fremden Frau befreit, ist es gar nicht mehr nötig, dass er realiter mit ihr fremdgeht.

Aber auch in der Folge fällt es ihm schwer, Frisette, weil er sie wirklich liebt, nicht zu sehen. Stets ist er auf dem Laufenden darüber, wo sie gerade auftritt, und es kostet ihn fast übermenschliche Selbstüberwindung, sie nicht zu besuchen.

Ende der Abschweifung.

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