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  • freudholdriesenhar

Was ist das eigentlich, der Orgasmus – 2?

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Was hat die Erregungsleitung bei der motorischen Reizübertragung vom aktivierenden Neuron bis hin zum aktivierten Muskel mit dem Orgasmus zu tun?

Immerhin doch schon einiges. Zum wenigsten liefert es einen wichtigen biochemischen Anhaltspunkt und Denkanstoß! Das Wesentliche dabei scheinen die sogenannten Speichervesikel – und wenn man sich nur einmal klar macht, was da so alles in ihnen gespeichert sein mag. Ich habe es schon einmal zitiert: „,Wir sind ein Chemiebaukasten'“, so Frank Schätzing in Limit: „Marianne fühlt ihren Erregungsspiegel steigen. Das hier ist bedeutend weniger langweilig als alles, worauf sie noch zu hoffen gewagt hat. ,Endorphin, Serotonin, Dopamin, Noradrenalin. Mal geschüttelt, mal gerührt.'“

Der vormals so unergründlich intime, geheimnisvoll erscheinende Orgasmus ist ein biochemischer Vorgang in unserm Gehirn. Denken wir also den Anstoß weiter, auch wenn es vielleicht nur eine Analogie ist und wir nicht sicher sein können, wie weit unsere Gedanken letztendlich auch zu den Erkenntnissen der heutigen Neurobiologie passen. Sie sind aber wohl kaum sehr weit davon weg.

Denn wie? Es gibt ja nicht nur den Überträgerstoff Acetylcholin zur Erregungsleitung bei der motorischen Reizübertragung! Es gibt noch eine Unzahl anderer Neurotransmitter – ein ganzes chemisches Spektrum davon! Menschen und Tiere besitzen zwei Arten synaptischer Überträgerstoffe: echte Transmitter und sogenannte Neuro-Hormone. Echte Transmitter wie Acetylcholin, Noradrenalin, Dopamin, Serotonin, GABA etc. wirken als flüchtige Boten im Extrazellulärraum auf die Membrankanäle ihrer Zielzellen. Es sind kurzlebige Überträgerstoffe, die Erregungen auf ihre Zielzellen übertragen und schnell wieder enzymatisch abgebaut und resorbiert werden.

Die Neurohormone dagegen werden ins Blut abgegeben, haben eine große Reichweite und verglichen mit den Transmittern eine relativ hohe Lebensdauer. Zu ihnen zählen die Endorphine, die gleichwie die Morphine an Opiat-Rezeptoren binden. Endorphine, Enkephaline und andere Neurohormone wirken über sogenannte G-Proteine oder über die direkte Aktivierung von Enzymen.

Eine Schlüsselrolle dabei spielt das in (postganglionären sympathischen) Nervenendigungen und im Nebennierenmark als Vorstufe von Noradrenalin gebildete Dopamin: „Die Wirkung einer Dopaminausschüttung durch eine präsynaptische Endigung auf das postsynaptische Neuron“, so Wikipedia, „hängt vom Dopamin-Rezeptortyp in der Postsynapse ab. Zurzeit unterscheidet man fünf Dopamin-Rezeptoren (D1-D5). Bindet Dopamin an D1 oder D5, wird die nachgeschaltete Zelle depolarisiert (exzitatorisches postsynaptisches Potential). Eine Bindung an die Rezeptoren D2-D4 bewirkt eine Hyperpolarisierung der Postsynapse (inhibitorisches postsynaptisches Potential). Die letzteren Rezeptortypen werden auch als D2-Gruppe zusammengefasst. Es gibt zudem Hinweise darauf, dass Dopaminrezeptoren des Typs D1 und D2 sogenannte Heterodimere bilden können, was zu einer Aktivierung des Phospholipase-Signalwegs und schließlich einem Anstieg der intrazellulären Ca-Konzentration führt. Die physiologische Bedeutung davon ist jedoch noch unklar.“

„Die Libido des Mannes“, so Wiki andernorts, „ist sehr stark abhängig von der Produktion des männlichen Sexualhormons Testosteron. Bei Testosteronspiegeln unter 15 nmol/l ist ein Libidoverlust wahrscheinlicher; bei Spiegeln unter 10 nmol/l nimmt die Wahrscheinlichkeit von Depressionen und Schlafstörungen zu.“ Etc.

Und alle diese drüsenproduzierten Stoffe sitzen in einer Art Speichervesikel, die bei entsprechendem Aktionspotenzial mit der präsynaptischen Membran verschmelzen und durch Exozytose ihren Inhalt in die extrazelluläre Flüssigkeit oder ins Blut releasen! Die meisten Hormone sind Peptide – Verknüpfungen aus drei bis hundert Aminosäuren –, oder aber Proteine – Polypeptide mit mehr als hundert Aminosäuren. Ihre Aufgabe ist nicht, wie die des Acetylcholins, mit einem nachgeschalteten Neuron kommunizierend in diesem ein postsynaptisches Potenzial zu erzeugen; gebildet in spezialisierten Zellen oder Organen, gelangen sie stattdessen als chemische Botenstoffe meist in die Blutbahn, um auch in entfernten Zielzellen oder Zielorganen eine spezifische, anhaltende Wirkung zu entfalten.

Verglichen mit zwei modernen technischen Nachrichtensystemen, verbindet das Nervensystem – analog dem Telefon – Sender und Empfänger durch eine Leitung direkt und ausschließlich; dagegen streut das Hormonsystem – ähnlich dem Rundfunk – Nachrichten aus, und der Empfänger sammelt diese Signale auf. Entscheidend dabei die Rolle der sogenannten ,second messengers': Währenddem Transmitter an Rezeptoren binden, die einen Ionenkanal infiltrieren, binden die Peptid-Hormone an Rezeptoren, die an der Membraninnenseite ein Enzym aktivieren. Die Passung von Rezeptor und Hormon stellt sicher, dass das Hormon die richtige Zelle erreicht. Die Verbindung von Hormon und Rezeptor löst im Zellplasma die Bildung eines second messenger aus, eines zweiten nachgeschalteten Boten, der diverse in der Zielzelle vorhandene Enzyme aktiviert. Die Hormone bewirken so durch eine Veränderung der Enzymaktivität in der Zielzelle eine veränderte Stoffwechselsituation.

Im Fall der Steroid-Hormone verbinden sich Hormon und Rezeptor erst im Zellplasma zu einem Komplex, der in den Zellkern gelangt und Gene auf der DNS aktiviert, wodurch Proteine neu synthetisiert werden. Hier verändert das Hormon den Enzymbestand und die Enzymaktivität – und also wieder die Zielzellen-Stoffwechselsituation. Auch auf diese Art könnten die sexuellen Lust-Proteine hergestellt werden. Im Unterschied etwa zum Acetylcholin wird die Hormonproduktion genetisch gesteuert und setzt erst ab einem gewissen Alter ein, so dass ihre Folgen auch erst ab da spürbar werden!

So entfalten die Neurohormone und Neuropeptide, aus ihren Speichermedien in den Extrazellulärraum oder ins Blut ergossen – wehe wenn sie losgelassen! –, mitsamt den Transmittern spürbar ganz andere Wirkungen als nur eine Nachrichtenübertragung, – Wirkungen, die von der Person, ihrem subjektiven Träger, schon an und für sich und autonom als solche empfunden werden. Die vorerwähnten Endorphine, die wie Morphine an Opiat-Rezeptoren binden, sind ein erster nicht zu verkennender Hinweis: Morphium und Opium sind bekanntlich Stoffe, die vom erlebenden Subjekt als höchst angenehm empfunden werden – so angenehm, dass sie regelrecht zu einem Sinnesrausch führen können: Rauschgifte!

Kurz, unter diesen Neurohormonen und Neuropeptiden sind offenbar jede Menge endogener – körpereigener – Drogen, die eine vergleichbare Wirkung entfalten wie die von außen zugeführten exogenen Rauschmittel auch! Sie lassen uns high werden. Diese Drüsen, Zellen, Vesikel und deren Moleküle bilden ein körpereigenes Drogenarsenal – man kann es nicht anders nennen –, ein Suchtmitteldepot, das je nach Bedarf angezapft und ausgeschüttet wird, oder nach Belieben angezapft und ausgeschüttet werden kann. Wird es durch den Eindruck eines attraktiven Partners mobilisiert, heißt es sexuelle Erregung – bis hin zum Orgasmus. Wird es von der Person willentlich angezapft, ist es Masturbation.

So kommt es bei manchen Zeitgenossen, ist deren Depot nur reichhaltig genug, ganz automatisch zu den Süchtigen ihrer selbst.

Denn wie heißt es in Kleists ,Der zerbrochene Krug'? „Jeder trägt den leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst“!

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