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Was ist dann mit den sogenannten Nymphomaninnen?

Blog 28


Abgesehen davon ist es wohl nicht ganz ohne Grund, wo und wann den Frauen – wie sporadisch auch immer – nachgesagt wird, dass sie mit mehr oder minder liebestollem Sexhunger auf den Geschlechtsverkehr stehen: Sie wollen – in quest for orgasm – auf jeden Fall begattet werden.

Wir hören es am Ende des volkstümlichen Stimmungsliedes ,Amanda': Amanda, Amanda, Amanda, nimm die Hand da weg, Amanda, Amanda, Amanda, lass das sein!

Wir lesen es in Lion Feuchtwangers Tagebuch vom 9. Februar 1932 über seine vernachlässigte Frau: „Marta beklagt sich, dass ich sie so wenig vögele.“ Und auch in Lions Roman ,Exil', wo Sepp Trautweins Frau Anna sich am Ende angeblich aus dem Grund das Leben nimmt, weil sie sexuell nichts mehr von ihm zu erwarten hat.

Wir begegnen ihm in dem Buch ,Altwerden ist nichts für Feiglinge' des deutschen Film- und Fernsehstars Joachim Fuchsberger 2010 über seine unaufhaltsam schwindende Potenz: „Deine Frau, oder Freundin, oder Lebensgefährtin, also einfach die bessere Hälfte, vor der du ohnehin Angst hast, hat neuerdings so was Merkwürdiges in den Augen, wenn sie sich nach einem wortlosen Fernsehabend mit einem hintergründigen ,… na dann gute Nacht!' verabschiedet und dir demonstrativ den Rücken zukehrt.“

So was Merkwürdiges in den Augen: Ist es gar Gundels etwaige Ranküne, dass ihr wackerer Blacky ihr die Lust vorenthält?

Ich streifte es in meinem Roman ,Die Freuden und Leiden des jungen Harry', wo die junge Béatrice auf einen berühmten, schon angejahrteren französischen Philosophen anspielt, der mit seiner Lebenspartnerin, gleichfalls eine namhafte Autorin, in einer lockeren Beziehung freier Liebe lebt. Sie könne sich nicht vorstellen, meint Béa, dass der Jean-Paul noch immer mit Simone schlafe. Was meinte sie damit? Worauf spielte sie an? Dass er ihr bei beider Alter schon überdrüssig sei? Hoffte sie, mit ihrem eigenen Latin lover würde es sich anders verhalten?

Offenbar sehen die Frauen den Koitus, auch wenn sie in puncto Sexuallust nicht viel davon haben, statt dessen immer noch als einen Beweis dafür, dass ihr Gespons sie nach wie vor liebt und sie immer noch begehrenswert findet. Sie betrachten es als evidenten Liebesbeweis!

Die Frage ob der Beweis wirklich schlüssig ist, soll momentan nicht weiter diskutiert werden. Jedenfalls ist eine Frau, die sich einem Mann hingeben will, deswegen auch immer gleich so enttäuscht und beleidigt, wenn sie von ihm abgewiesen wird, – nicht, weil ihr dadurch eine unwiederbringliche Lust versagt bleibt, die sie sich von der Kopulation mit ihm verspräche, sondern weil es sie in ihrem Selbstbewusstsein und weiblichen Selbstwertgefühl kränkt, dass sie nicht einmal mehr zu einem One-night-stand gut sein sollte: ,Die Entsagung, die ich mir auferlegt', schreibt Jean-Jacques Rousseau in seinem Roman ,Julie ou la Nouvelle Héloïse', ,gehört zu den Dingen, die die Frauen nicht verzeihen, welche Miene sie auch dazu machen, weniger wegen der Entbehrung, die sich für sie selbst daraus ergibt, als wegen der Gleichgültigkeit gegen ihren Besitz, die sie darin sehen'!

Und: „Schon in dem Lokal meiner Mutter, in dem sie Walter vor unseren Augen hinterging“, heißt es in Ralf Rothmanns Roman ,Die Nacht unterm Schnee', 2022, über die Untreue Elisabeths, „... hatte ich den Verdacht gehabt, dass sie sich kühl berauschte an diesem einen eruptiven Moment der Schwäche, den sich die Männer nach Feierabend in ihren Armen leisteten. Das gab ihr eine gewisse Macht und damit zeitweise das ersehnte Selbstwertgefühl...“

Die eigentliche Nymphomanie scheint also nicht, wie man leicht meinen könnte, das – laut Wikipedia – „gesteigerte Verlangen von Frauen nach Geschlechtsverkehr“, wobei „der Wunsch nach Sexualität mit Promiskuität, also häufigem Partnerwechsel einhergeht… Als Synonym wird auch ,Klitoromanie' verwendet, ein extrem übersteigertes nymphomanes Verhalten auch als ,Metromanie' bezeichnet, während als geschlechtsneutraler Begriff auch ,Erotomanie' Verwendung findet“.

Diese Definitionen verschleiern aber die entscheidende Frage: Ist der weibliche Sexhunger de facto auf das andere Geschlecht fixiert – oder doch vielleicht nur autoerotisch auf das eigene Ich? Womöglich liegt die wahre Nymphomanie ja gar nicht in der besagten Promiskuität, sondern – in der Selbstbefriedigung, weiblicherseits in der Klitoromanie respective Metromanie! Die Wortverlaufskurve im DWDS (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache) zeigt laut Wiki ein Maximum der Häufigkeit des schriftlichen Gebrauchs des Wortes Nymphomanie um 1977. Zitat des DWDS: „Im medizinischen Bereich gilt es heute für eine Phase des manisch-depressiven Irreseins.“

„Liebeswuth, eine weibliche Krankheit, die in geringerem Grade Liebesfieber, in ihrer höchsten Stufe auch Nymphomanie, so wie Mutterwuth genannt wird“, schrieb der Mediziner Heinrich Gustav Flörke um 1810, „überfällt zuweilen mannbare Mädchen, die in eine Mannsperson sehr verliebt sind, aber zum näheren Umgange mit derselben keine Gelegenheit finden; oder die sich überhaupt vergebens nach der Befriedigung des Geschlechtstriebes sehnen. Auch verführte Mädchen und junge Witwen überfällt sie, wenn diese einige Zeit hindurch an Genüsse gewöhnt wurden, die sie hernach entbehren und sich nur durch die Einbildungskraft oft und stark vergegenwärtigen. Ja sogar verheirathete Frauen sind derselben zuweilen ausgesetzt, wenn ihr Temperament eine stärkere Befriedigung verlangt, als ihnen in ihrer Lage zu Theil wird.“

Aber auch wenn die ,mannbaren' Mädchen sich solcherart nach der Befriedigung ihres Geschlechtstriebes sehnen – und welche Mädchen sehnen sich eigentlich nicht danach? –, so muss das ja noch nicht bedeuten, dass ihr Trieb durch den Mann auch befriedigt wird. Auch braucht man, um an entsprechende Genüsse gewöhnt zu werden, erst gar nicht ein verführtes Mädchen oder junge Witwe oder verheiratete Frau zu sein, – man kann sich zur Genüge an die auch nur durch die Einbildungskraft oft und stark vergegenwärtigten Genüsse gewöhnen! Vergegenwärtigt und befriedigt werden sie gewöhnlich zuerst durch die sexuelle Selbstbefriedigung, und zwar desto intensiver, je mehr ihr individuelles Temperament danach verlangt.

So kommen diese Genüsse der Mädchen und jungen Witwen keineswegs erst durch männliche Verführung oder die Verehelichung zustande, – vielmehr scheinen sie durch solche Verführung und Verehelichung eher wieder enttäuscht zu werden. Denn was Schopenhauer gemeinhin über jeden Verliebten sagt – nämlich dass er nach dem endlich erlangten Genuss eine wundersame Enttäuschung erfährt und „ein Erstaunen, dass das so sehnsuchtsvoll Begehrte nichts mehr leistet als jede andere Geschlechtsbefriedigung: so dass er sich nicht sehr dadurch gefördert sieht … Wie jeder Verliebte findet er, nach endlicher Vollbringung des großen Werks, sich angeführt: denn der Wahn ist verschwunden, mittelst dessen hier das Individuum der Betrogene der Gattung war“ –, –das gilt mit Sicherheit in mindestens dem Maße auch für die jungen Mädchen und Frauen. Die ,Verliebte' ist dann offenbar eine solche, die den endlich erlangten Genuss schon mannigfach in ihrer Phantasie vorwegnahm – ansonsten sie die Enttäuschung ja gar nicht empfinden könnte. Denn wer sich nicht vorab über die Lust getäuscht hat, der kann auch nicht enttäuscht von ihr werden!

So dürfte, dass ihr Temperament eine stärkere Befriedigung verlangt, als ihnen in ihrer Lage zu Theil wird, nicht nur für manche verheirateten Frauen, sondern mehr oder minder für alle Frauen gelten, die dann in ihrer ehelichen Lage eben um dieser stärkeren Befriedigung willen gezwungen sind, wieder auf ihre – klitorale – Selbstbefriedigung zu rekurrieren.

Glaubten wir nicht bereits zu erkennen, dass die Frauen in puncto sexueller Befriedigung gezwungenermaßen geborene Klitoromaninnen sind? Es ist auffällig, dass so fundamentale Fragen wie diese kaum in den sozialen Medien behandelt werden. Vermutlich ist es das gesellschaftliche ,Tabu', die allgegenwärtige Unwahrhaftigkeit und mauvaise foi, die das verhindert.

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