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  • freudholdriesenhar

Verdirbt der Onlinesex die Jugend?

Blog 130


Das ändert radikal auch das Liebesleben der Jugend.

Musste der unbeweibte Jüngling sich früher fast ein Bein ausreißen und seine Phantasie über die Bande spielen, um das sexuelle Genüge zu haben, das ihm instinktiv vorschwebte, – so wird es ihm heute gratis frei Haus geliefert. Er braucht nicht mehr aktiv zu agieren, nur noch sybaritisch zu reagieren. Er kann sich immer und überall optimal befriedigen – und das in einer Form, wie es ihm mit einer ,echten' Frau vielleicht nicht einmal möglich wäre.

In anderen Worten, was früher das Ziel triebhaften erotischen Interesses war: eine Sexualpartnerin zu finden, – das ist heutigentags der Ausgangspunkt: Paradoxerweise ist heute ein Jugendlicher sexuell bereits gesättigt, noch bevor er mit einer Frau körperlich überhaupt in Kontakt kommt. So viele Muschis wie er, an einem lustbaren Wochenende, haben Don Juan und Casanova zusammen ihr Leben lang nicht gesehen.

Was wohl die Philosophen Kant oder von Hartmann zu dieser Art ,Laster' sagen würden? Das zeigt, wie antiquiert auch hier die klassische Philosophie ist. Was folgt daraus?

Es ist ganz unbestreitbar und nicht zu leugnen: Erst in der Erfahrung mit dem modernen Porno und Onlinesex bemächtigt sich die libidinöse Lust, die vordem auch in der Selbstbefriedigung der Person durch die natürlichen Grenzen der Phantasie und visueller Einbildungskraft beschnitten war, ihres ganzen latenten Potenzials! So scheint es, als fände der menschliche Sexus erst vor dem Internetbildschirm zu seiner eigentlichen Natur. Wieder Marie Schmidt auf ,Zeit Online' in Tacheles: „Der Pornoclip ist der ideale Content für das Internet, und erst im Internet findet die Pornografie ganz zu sich selbst. Denn sie ist zur Masturbation gemacht, und es passiert jetzt inhaltlich nichts mehr, was davon ablenken würde. Außerdem bringt das Internet den Porno dahin, wo Selbstbefriedigung stattfinden sollte: nach Hause.“

Aber was heißt da noch ,Porno' in seiner herkömmlichen abwertenden Bedeutung? Es ist einfach Sex. Es gibt keinen schmutzigen Sex; es gibt immer nur schönen oder unschönen Sex.

Das wirft nicht zuletzt ein aufklärendes Licht auf die Ziele der sogenannten ,sexuellen Revolution' – per Definition die Befreiung des Sexus von den ihm aufgezwungenen gesellschaftlichen Restriktionen, gesetzt einmal, die Unterdrückung war wirklich bedingt durch vorwiegend gesellschaftliche und moralische Repressionen und Tabus.

Denn die Befriedung des sexualrevolutionären Impulses seit der Gesellschaftsfähigkeit des Porno – die Tatsache, dass seither der Sex nachgerade kein offizielles Thema mehr, und wenn, dann ein eher entspanntes ist! –, erregt einen Verdacht eigener Art und Perspektive: Waren es im Wesentlichen vielleicht gar nicht – oder nicht nur – die gesellschaftlichen und moralischen Normen, die den Restriktionen des Sexus zugrunde lagen und von welchen die revolutionäre Bewegung sie befreien wollte?

Waren es im Grunde vielleicht die natürlichen Grenzen des authentischen sexuellen Erlebens selbst, gegen die die naive Lust rebellierte?

War es die sexuelle Lust als solche, die – zuerst und vor allem in Form der Selbstbefriedigung – instinktiv gegen ihre eigenen unausgelebten, unauslebbaren Grenzen anrannte?

In einem Wort: War es das eigentliche Potenzial des menschlichen Sexus selbst, das gar von den natürlichen Beschränkungen der Onanie durch die Grenzen individueller Phantasie noch befreit werden wollte?

Dann aber war das die eigentliche und letzte aller sexuellen Utopien: die Befähigung der sexuellen Lust zu ihrem eigentlichen – technisch menschenmöglichen – Potential? Die Erweckung der Onanie aus ihrem jahrtausendealten Dornröschenschlaf zur vollen Klimax?

Fand, wie es scheint, das latente Potenzial des menschlichen Sexus erst im – mit der Entwicklung des Films technisch ermöglichten – Porno und Onlinesex wahrhaft zu seiner endgültigen Verwirklichung? Erst im Porno fände der Einzelne, in der beliebigen Erweiterung seiner erotischen Phantasie durch die Prothesen der Libido, vollkommen zu der ihm individuell erreichbaren Lust?

War nicht das die eigentliche Utopie, auf welche, bewusst oder unbewusst, die sexualrevolutionären Bestrebungen seit den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts immer hingearbeitet haben!

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