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Stimmt Donald Symons' These des funktionslosen Orgasmus?

Blog 104


Erklärt würde durch das Fehlen des vaginalen Orgasmus eine Erscheinung, über die die Wissenschaft offenbar noch grübelt.

„Interessanterweise“, so der Münchner Neurowissenschaftler Ernst Pöppel, „hat man ja lange Zeit geglaubt, dass die Frauen konstitutionell anorgastisch sind, d.h. von Natur aus nicht zum Orgasmus fähig sind. Eine solche Auffassung konnte wohl auch deshalb entstehen, weil ein weiblicher Orgasmus zur Empfängnis nicht notwendig ist. Ganze Generationen könnten immer wieder neu entstehen, ohne dass jemals eine Frau einen Orgasmus erlebt hat. (Manche Sexualforscher meinen sogar, dass der Orgasmus einer Frau die Chancen für die Befruchtung verringert, da aufgrund der Kontraktionen der orgastischen Manschette dem Samen der Durchlass verwehrt wird.) Wenn aber der Orgasmus der Frau zum Fortbestehen der Menschheit nicht notwendig ist, was könnte dann der Sinn sein? Gibt es einen biologischen Sinn? Oder ist der Orgasmus der Frau vielleicht ein Luxus der Natur, der eigentlich keinen Sinn hat – und der deshalb im Rahmen mancher moralischen Auffassungen auch gar nicht angestrebt werden sollte?“

Aha, der weibliche Orgasmus sollte ,im Rahmen mancher moralischen Auffassungen gar nicht angestrebt werden'? Treffen aber unsere Überlegungen zu, dann beruhen diese Fragen auf grundsätzlich irrigen Voraussetzungen: Dann ist die Frau nämlich gar nicht anorgastisch, sondern bloß koital-anorgastisch. Dann ist ist der authentische ,Sinn' der Sexuallust (als Ursache ihrer biologischen Entwicklung und positiven selektiven Bewertung) beider Geschlechter eben nicht, der Fortpflanzung und Erhaltung der Art zu dienen (so dass man, wenn sie zur Fortpflanzung und Erhaltung der Art eben gar nicht nötig ist, nach ihrer Daseinsberechtigung fragen müsste), sondern ihr Sinn ist ihre Eigenschaft als eine ursprüngliche Quelle der Lebenslust, – und erst in Form eines glücklichen Nebeneffekts wurde auch die Fortpflanzung und Erhaltung der Art dadurch gefördert, dass sie an der primären Quelle der Lust partizipierte und profitierte!

So stünde insbesondere auch der Orgasmus der Frau nicht im Dienst der Fortpflanzung und Erhaltung der Art, sondern vielmehr im Dienst einer ursprünglichen, authentischen Quelle der Lust, die in ihrer klitoridalen, nicht im Dienst der Fortpflanzung stehenden Ausprägung ihre Autonomie bewahrte. Die Funktion auch des weiblichen Orgasmus wäre der Lustgewinn der Lebenden im Leben an sich!

„Zu dieser Frage“, so dagegen Pöppel auf fragwürdiger Spur, „gibt es neuerdings eine interessante wissenschaftliche Diskussion, die besonders angefacht wurde durch ein einflussreiches Buch von Donald Symons. Im Gegensatz zu dem Humanethologen Irenäus Eibl-Eibesfeldt oder dem Verhaltensforscher Desmond Morris meint Symons, dass der Orgasmus der Frau funktionslos sei. Eibl-Eibesfeldt und Morris heben hervor, dass menschliche Sexualität nicht allein den Zweck hat, unsere Art zu erhalten, sondern dass durch Sexualität die Bindung zwischen Partnern aufrechterhalten wird. Durch das Orgasmus-Erlebnis des Mannes und der Frau wird die Bindung zwischen beiden verstärkt, was wiederum einen Nutzen für die Familie und insbesondere auch für die Betreuung der Kinder hat.“

„Symons ist einer der Gründer der Evolutionspsychologie“, erklärt Wiki, „und gilt als Pionier bei der Erforschung der menschlichen Sexualität aus einer evolutionären Perspektive heraus. Er ist einer der am meisten zitierten Forscher in der zeitgenössischen Sexualforschung. Auf seine Arbeit wird von Wissenschaftlern verwiesen, die ein äußerst vielfältiges Spektrum von sexuellen Phänomenen untersuchen. Der Harvard-Psycholog Steven Pinker beschreibt Symons' Buch Evolution of Human Sexuality (1979) als ,bahnbrechendes Buch' und ,ein Wahrzeichen in seiner Synthese der Evolutionsbiologie, Anthropologie, Physiologie, Psychologie, Fiktion und Kulturanalyse, geschrieben mit einem Kombination von Strenge und Witz. Es war ein Modell für alle nachfolgenden Bücher, die Evolution auf menschliche Angelegenheiten anwenden, besonders für meine.'“

Aber: Durch das Orgasmus-Erlebnis des Mannes und der Frau wird die Bindung zwischen beiden verstärkt? Ist das nicht schon deshalb fraglich, weil die Frau ihren Orgasmus ja gar nicht zu demselben Zeitpunkt hat wie – im Augenblick der intensivsten körperlichen Bindung – der Mann! Wie also sollte durch das Orgasmus-Erlebnis der Frau die Bindung zwischen beiden Partnern verstärkt werden können, wenn die Frau ihr Orgasmus-Erlebnis ja gerade nicht im gemeinschaftlichen koitalen Verkehr, sondern nur in ihrer einsamen klitoralen Selbstbefriedigung hat? Scheint diese eklatante Asymmetrie in der sexuellen Befriedigung der Geschlechter ihrer Bindung nicht eher abträglich als von Nutzen?

Der Orgasmus der Frau funktionslos? Einen solch massiven Aufwand wie für den Apparat der klitoridalen Lust soll die Evolution 70 Jahrmillionen lang ohne einen konkreten Selektionswert betrieben haben? Das hieße die Funktion der Selektion in der Evolution wohl schon als solche zu verkennen! Nein, viel wahrscheinlicher ist es doch: Der Orgasmus ist die Quelle der authentischen weiblichen Sexuallust sowie, wieder laut Simone de Beauvoir, ihrer eigentlichen erotischen Autonomie!

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