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Kommt die Lust erst im Porno und Onlinesex zu sich selbst?

Blog 111


Sag ruhig: eine Kulturschande, zu deren Überwindung der gute Goethe, gleichwohl er als der Priap von Weimar galt, nichts getan habe?

Das wollen wir uns nicht nachsagen lassen.

Tatsächlich scheint erst der Internetporno und Onlinesex, indem er die Lust zu sich selber bringt und zu Bewusstsein fördert, vollends geeignet, das erkennen zu helfen, – wodurch er eminent mit zu moderner Aufklärung beiträgt. Und da es spätestens seit den französischen Enzyklopädisten und der Kantischen Philosophie nicht im Sinn authentischer Aufklärung sein kann, irgendetwas Menschliches, Allzumenschliches vor den Menschen geheim zu halten oder gar als ,tabu' erklären zu wollen, wird dieses Ziel der Befreiung des Sexus – oder ist bereits – zumal durch die Pornografie erreicht. Nicht der Porno wäre so die Kulturschande, sondern der alte Paragraph, der ihn verbot.

So unschmeichelhaft es klingt: Erst durch den rezenten Internetsex scheint der – seit 300.000 Jahren existierende – Homo sapiens sapiens auch sexuell zu sich selbst zu finden!

Andererseits stimmt das aber genau damit überein, wie es die Menschen in ihrem, Wilhelm Stekel zufolge ursprünglich und hauptsächlich durch die Onanie geprägten, Sexualleben de facto immer schon gehalten haben! „Entscheidend wurde hier“, erklärte Sigmund Freud, „die Einführung des Begriffes Narzissmus, d. h. die Einsicht, dass das Ich selbst mit Libido besetzt ist, sogar deren ursprüngliche Heimstätte sei und gewissermaßen auch ihr Hauptquartier bleibe.“

Hier wird der ,Narzissmus' seiner psychologischen Konnotation von ,Eitelkeit' entäußert und als rein physischer individueller Hedonismus verstanden: Das Ich ist selbst mit Libido besetzt – ohne dass es, um Gebrauch davon zu machen, überhaupt erst eines anderen Ich bedarf. Das Ich ist die ursprüngliche Heimstätte und das Hauptquartier der Libido, indem diese im Grunde in der Onanie ausgelebt und erschöpft wird und nur, wenn überhaupt, sporadisch uneigentlich ausschwärmt: „Diese narzisstische Libido wendet sich den Objekten zu, wird so zur Objektlibido und kann sich in narzisstische Libido zurückverwandeln.“

Die narzisstische Libido muss aber gar nicht unbedingt erst zur Objektlibido werden; sie kann, auch wenn sie sich den Objekten zu wendet, zugleich doch immer auch bei sich bleiben. Geradeso wenig muss die – in der Pubeszenz – „seinerzeit übertrieben betätigte“ weibliche Klitorissexualität keineswegs, nach Freuds Ausdruck, auf die Scheide überwandern, „welche ja ,allein beim Koitus der Friktion ausgesetzt ist', sondern kann geradeso gut auch klitoridal bleiben. Tatsächlich kommt es ja meist auch erst dort, wo die Lust in der intersexuellen Begegnung der Geschlechter gemeinsam erfahren wird oder werden soll, zu den eigentlichen Komplikationen. ,Der Koitus hält nicht, was die Onanie verspricht', ketzert Karl Kraus, – und gilt das schon für die Männer, die sich in der Muschi scheuern, dann doch gleich um so mehr für die Frauen, deren klitoridale Befriedigung dabei überhaupt nicht tangiert wird!

Darüber hinaus ist dem Mann aber auch nicht damit geholfen, den unbefriedigenden Koitus der Frau laut Hitschmann „durch die Masturbation zum Abschluss zu bringen“: denn nichts dürfte schwieriger sein, als den Partner befriedigend zu masturbieren. Dennoch müsste um eines klitoridalen Orgasmus willen der Mann seine Partnerin eigentlich, manuell oder oral, masturbieren. ,Wir wissen wenig voneinander', so Büchners ,Danton'. ,Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab, – wir sind sehr einsam … Geh, wir haben grobe Sinne. Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren'.

Nur im Ipsismus ist die Lust innerlich, in ihrem freudianischen Hauptquartier, widerspruchsfrei und autonom bei sich selbst, so dass die Autorin Charlotte Roche ganz im Recht damit scheint: die Liebenden müssten beim Sex versuchen, ihrer beider jeweiligen Selbstbefriedigung so nahe wie möglich zu kommen.

Die Onanie als die Asymptote des Koitus? Aber hat ein Geschlecht überhaupt je die Chance, das andere von außen her und heteronom in der Lust seiner Selbstbefriedigung tatsächlich auch zu erreichen.

Wären die Geschlechter sich ihres Narzissmus, der ursprünglichen Heimstätte, Autonomie und Eigengesetzlichkeit ihrer Libido wirklich bewusst, – würden sie dann nicht auch von diesem Problem, der sprichwörtlichen ,Last mit der Lust', wie von einem schwerem Traum und Trauma befreit?

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