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  • freudholdriesenhar

Ist der Sex eine einseitige Dienstleistung der Frau?

Blog 77


So bestätigen auch die Kantisch-transzendentalen Überlegungen ganz den Eindruck, den wir angesichts der gesellschaftlichen Konventionen auch sonst schon gewannen: Die sexuelle Befriedigung ist eher, statt auf Gegenseitigkeit zu beruhen, eine einseitige Gunst, eine Gunstbezeigung oder Dienstleistung der Frau gegenüber dem Mann.

Die Frau scheint, was die männliche Besitzergreifung und Inbesitznahme ihrer Geschlechtseigenschaften betrifft, eher eine Art Bedürfnisanstalt, in der der Mann seine sexuelle Notdurft verrichtet und, wie andernorts seinen Urin, so hier vaginal sein Sperma abschlägt. Das bestätigt die Protagonistinin Charlotte Roches ,Schoßgebete': „Früher, also die ganzen letzten Jahre mit meinem Mann“, so freimütig Elizabeth Kiehl, „war es bei uns wie das dumme Klischee, dass die Frau nie Lust hat und der Mann ständig und überall will! … Ich hätte lügen müssen, wenn ich behauptet hätte, dass ich Lust auf Sex hatte. Hatte ich kein einziges Mal. Habe nur mitgemacht, um ihm einen Gefallen zu tun und weil ich wusste, dass unsere Beziehung sonst den Bach runtergeht. Das weiß ja jeder: Wenn es im Bett nicht mehr läuft, ist es nur eine Frage der Zeit, bis alles den Bach runtergeht. Davon bin ich fest überzeugt.“ Nur aus einer gewissen Verlustangst, Not und Gezwungenheit heraus also spielte sie mit!

Was Wunders daher, wenn – laut Simone de Beauvoir – die Frau die Durchdringung ihrer Vagina, in der „die Befruchtung“ erfolgt und die überhaupt „nur durch das Dazwischentreten des Mannes zu einem erotischen Zentrum“ werde, stets als „eine Art Vergewaltigung“ empfindet und sich infolgedessen eher dazu herbei- oder herablassen muss, anstatt sie spontan und authentisch von sich aus zu wünschen! Das sah teils auch Kant schon so: „Das Weib ist weigernd, der Mann werbend; ihre Unterwerfung ist Gunst.“ Seiner notorisch unromantischen Definition nach besteht die Ehe in der „Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen, wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften“. Und nicht: ,zur lebenswierigen und wechselseitigen Befriedigung ihres Geschlechtstriebs' steht da; das wäre unzutreffend: Wie sollte die Frau im wechselseitigen Besitz besagter Geschlechtseigenschaften Befriedigung finden, wenn sie durch ihre ,Unterwerfung' gar nicht befriedigt wird?

Die Würde des Altruismus: dass „der eine dem andern nicht als Mittel zum Zweck diene“, fordert Kant auch für das Bett. Ist es nun aber so, dass die Frau vom Koitus so gut wie kaum was hat und das Vergnügen einseitig auf Seiten des Mannes bleibt, dann ist sie letzten Endes ja doch bloß der altruistische Gegenstand zum Zweck seiner egoistischen Lust. Entweder also, der Philosoph ist de facto so gedankenlos, das nicht zu sehen, – oder er stellt sich absichtlich hinter den Scheffel und seine Sexualethik ist bloß eine Mogelpackung.

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