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  • freudholdriesenhar

Ist der Koitus eine Sache der Interpretation?

Blog 34


Nun aber, ward bei dieser zweigleisig doppelsinnig, doppelsinnlich verfahrenden und am Ende verfahrenen biologischen Entwicklung der weiblichen Sexualorgane – die Vagina für die Fortpflanzung und Erhaltung der Art, die Klitoris für ihre individuelle libidinöse Lust – auch entsprechend berücksichtigt und in Rechnung gestellt, in welch prekäre Situation dadurch die beiden Geschlechter geraten müssen?

Wird der Mann, der seiner Frau, deren Kitzler konstant außen vor bleibt, auf ,natürliche' Weise vaginal beiwohnt und dabei anders als sie sein orgasmisches Genüge findet, dadurch nicht gleichsam schon automatisch zum Onanisten, der den Schoß seiner Partnerin nur als Surrogat und Alibi seiner eigenen Masturbation benutzt?

Muss es andererseits jeder wahrheitsliebenden Frau, deren Mann, was ihre eigentliche Lust betrifft, ihr auf die klitoralen Schliche kam, nicht einigermaßen peinlich sein? Das ist der Psychoanalyse schon früh aufgefallen: „Es gibt Männer“, so Paul Ferenczi, „die mit ihren Frauen, trotz der Abnahme der Libido, häufig sexuell verkehren, dabei aber in der Phantasie die Person der Frau durch eine andere ersetzen, die also gleichsam in vaginam onanieren.“

In vaginam onanieren: indem sie, während sie die eine begatten, eine andere im Sinn haben?

Ganz ähnlich der Analyst Viktor Tausk: „Man wird von manchem Mann das Geständnis hören, er onaniere mit seinem Penis in der Vagina des Weibes. Und obgleich der Akt der genitalen Vereinigung verschiedengeschlechtlicher Individuen der einzige Typus des vollkommenen Geschlechtsverkehrs bei Arten mit getrennter Geschlechtlichkeit ist, wird er als onanistischer Akt empfunden. Das Kriterium dafür, ob ein Geschlechtsakt als onanistischer oder als Koitus anzusehen ist, liegt eben nicht in der äußeren Form der Betätigung, sondern im psychischen Überbau des physischen Vorgangs.“

Das Kriterium dafür, ob ein Geschlechtsakt als onanistischer oder als Koitus anzusehen ist, liegt eben nicht in der äußeren Form der Betätigung, sondern im psychischen Überbau des physischen Vorgangs: Ein Geschlechtsakt ist nur dann als ,gültiger' Koitus zu bewerten, wenn der Mann, der mit einer Frau schläft, dabei auch nur diese im Kopf hat. Und ein Geschlechtsverkehr ist dann als onanistischer Akt anzusehen, wenn er dabei an eine andere denkt!

Anders gesagt, ob ein Geschlechtsakt ein authentischer Liebesakt oder bloß eine dissimulierte Onanie ist, wird zu einer Frage der Interpretation, – einmal ungeachtet dessen, dass ein reiner Vaginalverkehr, indem die Frau nichts davon hat, eigentlich sowieso immer schon eine Art verkappter einseitiger Masturbation scheint.

Dabei ist es mit diesem bekannten ,Ehebruch im Ehebett' noch nicht mal getan. Onanistisch ist der Koitus ja auch dann schon, wenn die Phantasie erst gar nicht auf solch fremdgängerische Weise in Anspruch genommen und aktiv wird. Schwer einzusehen nämlich, wie der besagte ,psychische Überbau des physischen Vorgangs' etwas sollte an der Tatsache ändern können, dass der Mann, mit der Frau rein vaginal verkehrend, zum Orgasmus kommt, – die Partnerin aber nicht.

Eine reziproke Form des Ehebruchs im Ehebett ermöglicht der moderne Porno und Internetsex, wenn die Partner wie Elizabeth und Georg Kiehl in Charlotte Roches ,Schoßgebete' beim Koitus zusammen vor dem Home Computer sitzen. Er kann dann, während er über ihre Schulter den Bildschirm im Blick hat und sie ihm zugewandt a fronte auf ihm reitet, gleichsam als Voyeur des Onlinesex von ihrer Muschi masturbiert, den Augenblick abwarten, da seine Geilheit am größten ist, um sich orgasmierend in sie zu ergießen.

Natürlich ist die Stellung auch umgekehrt möglich, wenn er mit dem Rücken zum Bildschirm sitzt und die Frau, auf seinen Schenkeln über seine Schultern schauend, den geeignetsten Augenblick für ihre Ekstase abpasst.

Vollkommen hergestellt ist die Symmetrie dann, wenn, sie mit zugewandtem Rücken auf ihm reitend, zugleich beide dem Bildschirm zugewandt sind! Der Ehebruch im Ehebett wird dann von beiden gleichzeitig in flagranti getrieben: indem sie sich, a tergo auf ihm, klitoridal masturbiert. Allenfalls, dass es dann unterschiedliche Szenen sind, bei denen beide – sex lag – zeitversetzt kommen?

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