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Gibt es den Ehebruch im Ehebett?

Blog 35


Der ,Ehebruch im Ehebett' ist literarisch nichts Neues und längst auch im modernen Kintopp nicht mehr. Er findet sich exemplarisch in Stanley Kubricks Film ,Eyes Wide Shut' – mit Tom Cruise und der reizenden Nicole Kidman – nach Arthur Schnitzlers freudianischer ,Traumnovelle'. Da sinken Albertine und Fridolin sich nach einem Maskenball zu einem ,schon lange nicht mehr so heiß erlebten Liebesglück' in die Arme. Triebhaft nämlich führen beide jeder für sich die auf dem Ball angehäuften erotischen Reize gleichwie an libidinösen Blitzableitern aneinander ab.

Psychoanalytikern ist dieser Ehebruch im Ehebett altvertraut: „Es gibt Männer“, so Paul Ferenczi, „die mit ihren Frauen, trotz der Abnahme der Libido, häufig sexuell verkehren, dabei aber in der Phantasie die Person der Frau durch eine andere ersetzen, die also gleichsam in vaginam onanieren.“ Die Abnahme der Libido, muss es wohl heißen, gegenüber der eigenen Frau!

Galant übergeht Ferenczi die Ehefrauen, die ihrerseits die Person des Mannes in effigie durch einen andern ersetzen, die also – wie in Georg Büchners Schauspiel ,Dantons Tod' – auch beim ehelichen Verkehr ihr carreau gleichsam einem andern hinhalten: „Sieh die hübsche Dame, wie artig sie die Karten dreht!“, heißt es. „Ja wahrhaftig, sie versteht's; man sagt, sie halte ihrem Manne immer das cœur und anderen Leuten das carreau hin. – Ihr könntet einen noch in die Lüge verliebt machen.“

Noch in die Lüge verliebt machen: Weil das, wie Heinrich Heine in seinem Essay ,Shakespeares Mädchen und Frauen' bemerkt, an ,eine gewisse Klasse verschwenderischer Frauen' erinnert, ,deren kostspieliger Haushalt von einer außerehelichen Freigebigkeit bestritten wird, und die ihre Titulargatten sehr oft mit Liebe und Treue, nicht selten auch mit bloßer Liebe, aber immer mit tollen Launen plagen und beglücken'?

Übrigens übersieht Ferenczi diskret, dass dies, etwa im Fall spontan faszinierender Begegnungen, nicht unbedingt etwas mit einer Abnahme der Libido zu tun haben muss – genügt es nicht, dass der Appeal einer andern momentan größer ist?

Nicht ausgeschlossen daher, mal konziliant angenommen, dass in Schnitzlers Novelle Fridolin auch ohne die Vorstellung der fremden Frau – und Albertine ohne die des fremden Mannes – zum koitalen Höhepunkt kämen, nur – der Höhepunkt im bewussten Gefühl des Ehebruchs liegt womöglich noch näher!

Eine Parallele dazu findet sich – wodurch der Regisseur gleichsam zum Wiederholungstäter wird – in Kubricks Verfilmung von Wladimir Nabokovs Roman ,Lolita' mit James Mason und Sue Lyon, wo der nymphophile Humbert Humbert beim Beischlaf mit Charlotte Haze nach Lolas Foto auf der Kommode schielt. Humberts koitierendes Fleisch nimmt Zuflucht zur Phantasie und ersetzt Charlottes hausbackenen Schoß in effigie durch Lolitas – vermeintlich – jungfräuliche Pussy, was im prüden Amerika seiner Zeit zum förmlichen Verbot des Films führte.

Prüde ist es ja gerade, alles verbieten oder tabuisieren zu wollen, was zur Wahrheit über die Conditio humana in Gestalt des Sexus – des Menschlichen, Allzumenschlichen – führen könnte!

Humbert kommt beim Beischlaf mit Charlotten ohne die Phantasie nicht aus. Das Verhältnis ist aber nicht symmetrisch: Seine ipsistische Phantasie mit Lolita kommt primär sehr wohl auch allein und ohne das Fleischliche aus. Der Orgasmus in der Phantasie mit Lolita gelingt auch ohne den Leib Charlottens; der Orgasmus mit Charlotten gelingt aber kaum ohne die Phantasie mit Lolita! Kurz, er onaniert in vaginam.

Nicht ausgeschlossen vielleicht, einmal optimistisch angenommen, Humbert käme auch ohne Lolitas Imago zum Höhepunkt, nur – Höhepunkt ist nicht gleich Höhepunkt, und der Orgasmus in der Vorstellung des Nympchchens ist eben noch ungleich ungeheurer! (Der physische Unterschied zwischen dem Ehebruch im Ehebett und reiner Onanie dabei ist, dass beim Beischlaf das – das im Geschlecht der Frau versenkte und damit aller Handhabung entzogene – männliche Zentralorgan zum Aufbau des zerebralen Feldes der Lust nicht händisch verfügbar ist. Damit wird die Phantasie ihrer wesentlichen materiellen Manipulation beraubt: Die stereotype vaginale Friktion ist kein vollwertiger Ersatz für den taktilen Einfluss der Finger. Da diese modulierende Manipulation fehlt, gelingt der Aufbau des neuronalen Feldes der Lust beim Koitus immer nur partiell und bruchstückhaft. Entsprechend geringer ist dann die Entladung des elysischen Feldes – und die darin sich manifestierende Wollust. Denn: Etwas wissen Sie nicht, so Choderlos de Laclos in seinem Roman ,Gefährliche Liebschaften', nämlich dass die Einsamkeit die Glut der Begierde ins Ungeheure schürt. Gleich ,ungeheuer', wie die angestaute Glut der Begierde, ist dann auch deren ipsistisches Genüge im hedonistischen Potenzial des Ichs!)

Merkt der Partner im Ehebett eigentlich etwas von des andern Ehebruch? In dem Erotikthriller ,Basic Instinct' des niederländischen Regisseurs Paul Verhoeven verfällt der ermittelnde Detektiv Nick Curran – aka Michael Douglas – der verdächtigten Autorin Catherine Tramell – alias Sharon Stone. In einer Szene auf dem Polizeirevier kommt, während sie die Beine übereinander schlägt, den Bruchteil einer Sekunde lang Sharons fotogene Vulva zum Vorschein. Ursprünglich trug sie am Set, wie es sich gehört, einen weißen Slip, der aber laut Verhoeven so das Licht der Kameralinse reflektierte, dass er sie bat, ihn zeitweise auszuziehen, wonach nur noch ein Schatten zu sehen wäre.

Sharon fiel ihr unfreiwilliger Eklat angeblich erst bei der Premiere mit einem ausgewählten Testpublikum im Vorführraum auf, woraufhin sie das Enfant terrible Paul abwatschte und empört die Vorstellung verließ. Er dagegen behauptet fest, dass sie sehr wohl schon im Voraus wusste, dass ihr Intimissimum mit abgelichtet werde. Viel Lärm um nichts, warum auch nicht, ist Sharons Revier doch beispiellos fotogen; und ob es ihr nun bewusst war oder nicht, war es jedenfalls doch eine hervorragende Gelegenheit, es anschaulich unter Beweis zu stellen.

Aber ich schweife ab. Worauf ich hier hinaus wollte, ist, dass Nick Currans Psychologin, Dr. Beth Garner – alias Jeanne Tripplehorn –, mit der er eine Affäre hat, seinem hemmungslos wilden, von neuer Leidenschaft entfachten Sex mit ihr sensibel erspüren zu können glaubt, dass er gleichwie in effigie eine andere (eben Catherine) bumst.

Bei den Frauen ist es womöglich noch schwieriger, zu erraten, woran sie dabei denken. Es sei denn, sie verplappern sich expressis verbis. In Thomas Manns Erzählung ,Die vertauschten Köpfe' verrät sich die frisch verehelichte Inderin Sita, indem ihr bei der Liebe mit ihrem Gatten Schridaman der Name ihres beider Freundes Nanda entschlüpft.

In Irmgard Keuns Roman ,Das kunstseidene Mädchen' haucht Doris' Lover Ernstel während des Beischlafs mit ihr den Namen seiner entlaufenen Frau Hanne, woraufhin sie die Reißleine zieht. Etc. etc …

Am Ende bleibt allenfalls die Frage, inwiefern sich davon überhaupt ein normaler Geschlechtsverkehr unterscheidet, bei dem Mann und Frau an nichts Besonderes denken, und der Koitus schon von Natur aus überhaupt etwas anderes als eine Masturbation in vaginam ist?

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