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  • freudholdriesenhar

Eine Seinsebene wie in Nabokovs ,Lolita'?

Blog 120


Warum ist das wirklich so eine sexuelle Revolution, wenn man heute sehen kann, was man früher nicht sehen konnte?

Zuerst, weil es nicht beim bloßen Zuschauen bleibt. Der befreite Eros ist von entscheidendem Einfluss nicht allein auf unsere ganze Einstellung zum Sex, sondern auch aufs praktische sexuelle Erleben. Der Internetsex hat direkt Einfluss auf das Sexualverhalten jedes Einzelnen, und damit auf das Liebesleben der ganzen Menschheit.

In der jahrmillionenlangen Hominidenevolution entstand der Sexualinstinkt via die visuelle Wahrnehmung in Verbindung mit der erotischen Phantasie; daher wird die Sinnlichkeit des Homo sapiens – zusammen mit der frühkindlichen Prägung am Leib der Mutter – vor allem durch visuelle Eindrücke gesteuert. Der Sexappeal beschleicht und bezaubert uns über das Auge. So auch in Shakespeares ,Kaufmann von Venedig', III,2:


Sagt, woher stammt Liebeslust?

Aus den Sinnen, aus der Brust?...

In den Augen erst gehegt,

Wird Liebeslust durch Schau'n gepflegt …


Schaulust ist nicht nur die Lust, zu schauen: Auch die Sexuallust entsteht beim Schauen. Dabei hatte aufgrund fehlender Technik mitsamt der äonenlangen Tabuisierung des Sexus der Homo sapiens noch nie wirklich die Möglichkeit, die visuelle Dimension der Libido de facto auch auszuloten, ihr visuelles Potenzial buchstäblich auszureizen.

Ist der Sex wesentlich durch die Phantasie bedingt, so sind allein schon ihrer puren Physis wegen weder die reizendsten Schenkel noch lockendsten Vulven von Salomos oder Nebukadnezars tausend Weibern imstande, die sexuelle Phantasie so zu entbinden wie das rein anschauliche Medium des modernen erotischen Cinemascope; die Phantasie Krethis und Plethis kann heute visuell so beflügelt werden, wie das keinem irgend promiskuitiv privilegierten Potentaten der Vergangenheit je möglich war.

Der mediale und digitale Sex ist – individuell wie anthropologisch – bar allen Zweifels eine ganz neue und unerhörte Quelle libidinöser Erfahrung. Schon nach wenigen Minuten im Kinosaal spürt der Zuschauer, wie die Szenen von der Leinwand auf eine ganz neue, nie gekannte Art auf seine Sinnlichkeit wirken. Es ist, als beginne es mit einer genussreichen Dehnung seiner innersten Wurzeln. Es ist, als würde sein gesamtes libidinöses Blut von der Wurzel her infiltriert, in allen seinen Kapillaren bis in die äußersten Verästelungen hinein erfasst und gleichsam ausgelotet und ausgereizt.

Nichts anderes als das kann es sein, was Humbert Humbert in Nabokovs Roman ,Lolita' mit jener geheimnisvollen Wandlung meint, die – Zitat! – plötzlich seine Sinne überkam und als „die tiefe, heiße Süße gesichert und auf gutem Wege zur äußersten Verzückung war: Ich gelangte auf eine Seinsebene, wo nichts galt außer dem Lustgebräu, das in meinem Körper gärte. Was als genussreiche Dehnung meiner innersten Wurzeln begonnen hatte, wurde zum glühenden Prickeln, das sich jetzt in einem Zustand absoluter Sicherheit, Zuversicht, Zuverlässigkeit befand, die nirgends sonst im bewussten Leben zu finden ist.“

Genau dieses zerebrale glühende Prickeln und Brutzeln ist es, das auch der Harry meines Romans ,Die Liebe in den Zeiten des Internets' während mehrerer technisch avancierender Entwicklungen zuerst im Pornoschuppen, später beim häuslichen Video, und schließlich vor dem heimischen Bildschirm verspürt. Natürlich ist es ein primär physiologisches Phänomen: nicht anders, als dass das zerebrale Feld seiner sexuellen Erregung – das neuronale elektrochemische, sich hormonell immer mehr geladene Feld, in dem die sexuelle Erregung besteht! – durch die Unzahl der von der Leinwand einströmenden Reize, Bilder, Szenen auf eine nie dagewesene Weise bis in seine entlegensten Bereiche und Ränder ergriffen, angeregt, gedehnt, expandiert, erschöpft – am Ende gleichsam wie gesättigt – wird, und zwar in einer Weise, wie es bei den normalen sexuellen Aktivitäten, und sei's auch den autoerotisch narzisstischen, ganz unerreichbar scheint. In Lolita: „Die Nerven der Lust waren bloßgelegt. Die Krauzeschen Korpuskeln gerieten in die Phase der Raserei. Der geringste Druck würde genügen, das ganze Paradies zu entfesseln.“

Dabei erweist sich eine direkte Korrelation zwischen Leib und Seele – zwar in Gestalt einer direkten Isomorphie zwischen der fortschreitenden Sättigung des elysischen Feldes in seinem Gehirn hier und der durch Blutandrang bewirkten Anschwellung seines Mannesteils da. Wahrhaftig: je größer die gefühlte Sättigung des zerebralen Feldes, desto praller auch sein kongestiv aufgepumptes, schließlich kurz vor dem Bersten stehenden Genitals. Das bestätigt Elizabeth Kiehl in Charlotte Roches Roman ,Schoßgebete' wortwörtlich: „Wir gucken Pornofilme, um uns in eine Art Rauschzustand zu versetzen … Wir vergessen alles um uns herum, als hätten wir Sexdrogen genommen“!

Wie vollzieht sich das sexuelle Erleben denn rein physiologisch? Doch offenbar nicht anders, als dass die diversen Drüsen und Vesikel des libidinösen Systems möglichst viele jener Hormone und Endorphine – körpereigenen Opiate und Drogen – zur Freisetzung bringen, die das Gefühl der ,Sexuallust' bedingen. „,Wir sind ein Chemiebaukasten'. Marianne fühlt ihren Erregungsspiegel steigen... ,Endorphin, Serotonin, Dopamin, Noradrenalin. Mal geschüttelt, mal gerührt.'“ Je mehr dieser Hormone und Peptide aber releast und ins elektrisch geladene Feld der Erregung einverleibt werden, desto gesättigter ist die wollüstige Ladung; und je gesättigter die wollüstige Ladung, – desto stärker ihre finale Entladung und Ausschüttung im Orgasmus. So hat schon bei der sexuellen Selbstbefriedigung die Person vermöge der erotischen Phantasie in einer beliebig verfügbaren Zeit ungleich mehr Gelegenheit als beim Geschlechtsverkehr selbst, sich unter solcherart Sexdrogen und in diesen Rauschzustand zu versetzen. Und je gesättigter die Drogen, und je toxischer der Rausch, – desto intensiver ist dann der Orgasmus. So ist der Sexualgenuss beim Sex for one allfällig intensiver als der beim Sex for two. Nur so erklärt sich das Wort von Karl Kraus: Der Koitus hält nicht, was die Onanie verspricht.

Der Orgasmus wird um so intensiver sein, je geladener und gespannter das etablierte elektrische Feld der Hormone und Opiate der Lust. Nun ist das Feld der Hormone und Opiate elektrochemisch aber um so gesättigter, durch je mehr und intensivere erotische Phantasien und Eindrücke es aufgebaut wird: Daher wird der Orgasmus beim Porno- oder Onlinesex immer ungleich toxischer seein als beim zwischengeschlechtlichen Verkehr – und sogar auch der einsamen unbemittelten Onanie: Durch die Flut der einströmenden Bilder und der zur Verfügung stehenden Zeit – 16 Bilder pro Sekunde, 57.600 pro Stunde, und jeder aufreizende Anblick setzt wieder neue Rauschmittel frei! – akkumuliert die Lust auf unvergleichliche Weise, das elektrophysiologische Feld wird beliebig, bis zur Saturiertheit erfüllt und erweitert. Eine Seinsebene absoluter Sicherheit, Zuversicht, Zuverlässigkeit, die man, indem sie nirgends sonst im bewussten Leben zu finden ist, in der Tat hedonistisch-transzendent nennen könnte. Und je geladener und hormonell gesättigter das hedonistische Feld der Lust bereits ist – das „Lustgebräu, das in meinem Körper gärte“ –, desto intensiver ist der ultimative Orgasmus.

Diese Erfahrung, deren der Protagonist von ,Lolita' wohl selten im Leben teilhaftig wurde, ist heute jedem Kommis im Kinosessel jederzeit abrufbar. Erst der Leinwand- und Onlinesex des Porno lässt den äonenlang eingesperrten Geist hedonistischer Lust restlos aus der Flasche!

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