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Deep Throat als Vorreiter dieser Entwicklung?

Blog 96


Wir haben in Blog 91 apropos Blowjob den Film ,Deep Throat' erwähnt. Deep Throat – ,Tiefe Kehle' – ist ein amerikanischer Porno von Gerard Damiano, der 1972, kaum war der Pornoparagraph abgeschafft, in die Kinos kam.

Der irreale – fast surrealistische – Inhalt ist schnell berichtet. Die weibliche Protagonistin, die hübsche 20-jährige Linda, hat sexuelle Probleme. Offenbar hatte sie noch nie einen Orgasmus, – in ihrem Alter natürlich ein unhaltbarer Zustand! Auch ihre Freundin Helen aber kann ihr nicht helfen, und der von ihr organisierte Gruppensex befriedigt nur sie selbst. Also hat Linda keine andere Wahl, als sich in ärztliche Untersuchung zu begeben.

Da entdeckt Doktor Young mit Hilfe gezielter Auskultationen die Ursache ihrer sexuellen Fühllosigkeit: Linda hat an der entsprechenden Stelle – da, wo sie normalerweise hingehört –, keine Klitoris – offenbar ein unabdingbares und unerlässliches Requisit und Accessoire für die weibliche Sexuallust –, so dass sie beim Geschlechtsverkehr das männliche Genital nicht spüren kann; dies einmal ganz ungeachtet dessen, dass, da die Klitoris ja auch normalerweise ganz außerhalb der Vagina und in der Vulva ziemlich weit oberhalb liegt, es völlig unklar ist, wie sie selbst dort den Penis spüren sollte, – so dass die Frauen selbst bei normaler klitoraler Verortung Probleme damit haben dürften.

Sei dem, wie ihm sei, jedenfalls ist sie bei Linda nicht einmal wie gewöhnlich am richtigen Platz, was ihren fehlenden Orgasmus erklärt! Dass die Klit auch beim normalen Geschlechtsverkehr nicht ohneweiters gereizt wird, so dass die Frau womöglich auch dabei unbefriedigt bleibt, bleibe wie gesagt zunächst mal außen vor. Ein so skrupelhaftes Problembewusstsein hat der Porno im Allgemeinen nicht.

Der Onkel Doktor hat das vermisste Organ bald aufgestöbert. Doch lokalisiert er es an einem Ort, wo man es nimmermehr vermutet hätte: tief in Lindas Kehle – daher der Titel des Films! Aus irgendeinem dunklen Grund, vielleicht einer genetischen Mutation wegen, muss das verirrte Organ von einer Peripherie in die andere an die verkehrte Stelle verrutscht oder deportiert worden sein. Klar wie Kloßbrühe also, dass, wenn der weibliche Orgasmus von der Stimulierung der Klit abhängt, Linda beim Geschlechtsverkehr keinen Orgasmus haben kann! (Dies einmal wieder ungeachtet der ganz und gar lebensunwahrscheinlichen Annahme, dass Linda in ihrem Alter nicht längst den Reiz in der Kehle gespürt und sich somit den Orgasmus nicht längst selbst palatal erschluckt oder errülpst haben müsste, – nicht ungleich jenen ihrer unglücklichen Geschlechtsgenossinnen, die ihren ungesättigten Liebeshunger durch den Gang zum Kühlschrank stillen. Porno funktioniert nicht unbedingt nach den Gesetzen der Logik.)

Was ist Lindas Therapie? Kommt der Berg nicht zum Propheten, muss der Prophet zum Berg kommen: Bleibt das männliche Glied in Lindas Muschi ohne die gewünschte Wirkung, muss es eben ihrer Kehle zugeführt werden. Also probiert sie, um den Penis zu spüren, versuchsweise Fellatio, Schwanzlutschen, Cocksucking, indem sie erigierte Penisse schlingt – sie gewissermaßen inhaliert –, sie schluckt und ruckt, und findet prompt im kehligen Orgasmus – eine Gaumenfreude eigener Art – ihre sexuelle Erfüllung. Auch ihre Partner scheinen keinen Grund zur Klage zu haben. Linda muss nur lernen, ihren Würgereflex zu unterdrücken, um jeden Schwanz auch vollständig runterzukriegen. Sogar die routinierte Elizabeth Kiehl hat da später noch ein Problem: „Leider kann ich nicht wie die Frauen im Pornofilm diesen Trick mit dem ganz Reinstecken, also am Kotzezäpfchen vorbei. Hab mehrmals fast gekotzt und es dann schnell wieder drangegeben.“

Während Linda einen kehligen Orgasmus nach dem andern hat, ejakulieren die Männer rudelweise in ihre Gurgel – deep throat. Sie beginnt als Dr. Youngs Assistentin und beglückt so nicht nur sich selbst, sondern auch andere bedürftige Patienten. Die hirnrissige, aber gaumenkitzlige Story endet damit, dass ein Patient, den sie virtuos abkehlt, ihr einen Heiratsantrag macht. Man erfährt nicht, wie ihr Eheleben verläuft; würden sie doch zumindest, wenn sie Kinder haben wollen, auf ihren gewohnten Verkehr einmal verzichten müssen! Auch würde sie im Augenblick der Zeugung – was sie nicht von der unbefleckten Empfängnis unterscheidet – nicht mit ihrem gewohnten Höhepunkt rechnen dürfen!

Man kann über den abgedrehten Streifen den Kopf schütteln soviel man will, eins aber wird man ihm nicht absprechen können: Er rückt, wenn auch auf ziemlich hirnrissige Art, und vielleicht erstmals in der Geschichte des Films, die weibliche Klitoris in den Fokus des öffentlichen Augenmerks – und trifft damit zum ersten Mal tatsächlich auch das Zentralorgan der weiblichen Sexuallust. Hat Linda beim normalen Vaginalverkehr kein Kommen und bekommt es erst durch die Reizung ihrer Klit, – dann besagt das doch nichts anderes, als dass der Orgasmus der Frau eben grundsätzlich nicht durch die Reizung der Vagina, sondern tatsächlich nur durch die Reizung des Kitzlers ausgelöst wird. Im Klartext: Es gibt keinen vaginalen Orgasmus, sondern nur einen klitoralen Orgasmus. War das dem Kinopublikum auch vordem schon so eindringlich bewusst?

Das dürfte, wenn es stimmt, eine Erkenntnis sein, die auch 1972 noch für mindestens 95 Prozent der Männerwelt seit der Altsteinzeit relativ neu war. Und ungemein aufschlussreich! Natürlich fragt man sich, was die Natur sich überhaupt dabei gedacht hat, den Brennpunkt der weiblichen Libido, statt in die Vagina, stattdessen an deren Peripherie auszulagern?

Linda Susan Boreman überschlägt sich bei einem Unfall am 3. April 2002 zweimal mit ihrem Geländewagen und wird schwer verletzt. Am 22. des Monats werden die lebenserhaltenden Geräte abgeschaltet und Lovelace stirbt im Alter von 53. Sie wird auf dem Parker Cemetery, Parker, Douglas County, Colorado, USA, beerdigt …

Weib, bedenke, dass du Staub bist! schrieb Heinrich Heine, wie wenn man eigens so ungalant daran erinnern müsste.

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