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Welche Frau wählt ein phallischer Mann?

Blog 88


Ein männliches Gegenstück zu Signorina Irene in Moravias ,Ich und er' bringt der mit fünf Oscars prämierte Film ,American Beauty' von Sam Mendes, 1999, wo der Verlagsangestellte Lester Burnham – alias Kevin Spacey – in einer Midlife Crisis steckt. Das Leben mit seiner spießigen und überspannten Frau Carolyn – Annette Bening – und seiner zickigen Tochter Jane empfindet er als trostlos. Carolyn müht sich ohne großen Erfolg als selbständige Immobilienmaklerin; Jane ist in der Pubertät und lehnt ihn als Vorbild ab. Höhepunkt seines Tages ist die morgendliche Masturbation in der Duschkabine; danach „kann es“, wie er sagt, „nur noch abwärts gehen“.

Als er nachts im Bett ungeniert neben seiner Frau in Gedanken an die junge Angela Hayes, die Freundin seiner Tochter, onaniert, ist das für Carolyn definitiv ein Scheidungsgrund.

Somit befindet der phallische Mann sich bei der Wahl der richtigen Partnerin in einem Dilemma: Wählt er eine unterkühlte Frau, kommt er sexuell zu kurz und schmachtet seinen zärtlichen Bedürfnissen nach: „Die Frau, die keine Isolde ist, muss Tristan als lästig empfinden“, bemerkt Ludwig Marcuse zu Heinrich Heines Frau Mathilde.

Wählt er hingegen einen besonders heißen Ofen, ebenso: „Wehe dem, der in den Schoß einer Hedonikerin fällt!“ warnt Kleanthes in Feuchtwangers ,Goya'. Auch wenn das doppeldeutig ist, – gemeint ist wohl nicht, dass sie ihm als Nymphomanin den Samen aus den Knochen saugt wie ein Vampir; als vielmehr, dass er, da sie es sich, wie Irene in Moravias ,Ich und er', vorzugsweise selber macht, zu keinem nennenswerten Sprung mehr kommt. Sie wird gegenüber dem ,Mann' eine sexuelle Desinteressiertheit und Indolenz an den Tag legen, die der Sprödigkeit absolut fehlender Libido gleichkommt. (So könnte man meinen. In Wahrheit kann sie ein ständig brodelnder Vulkan sein. Nur dass sie all ihre fulminante Geilheit implodierend an der Klitoris abreagiert.)

Wie er's also auch anstellt, der phallische Mann, er ist so oder so verratzt.

Was ist die Lösung? Vermutlich mal wieder der goldene Mittelweg: Ein heißblütiger Mann wählt eine leidlich temperamentvolle Frau, die an die Lust keine besonderen Ansprüche stellt, dann können sich – sofern es eine solche Frau gibt – beide nichts vergeben. (Zu seiner Figur Mathilde in ,Die Stadt Lucca' der Reisebilder bemerkt Heine, sie sei „nicht leidenschaftlich, keine Geliebte im lyrischen Sinne“.) Sie wird ihrem Mann, wenn sie einen hat, auch nicht so leicht fremdgehen. Befriedigt sie sich nebenher selbst? Er weiß es nicht und will es auch gar nicht wissen. Die Liebe lebt vom Geheimnis, sagt er sich, auch von dem der Frauen. Vielleicht wagt er, um nicht schlafende Hunde zu wecken, auch nicht, sie ausdrücklich danach zu fragen. Dennoch, heutzutage sollte ein Mann eher wissen, ob er seine Frau befriedigen kann; sie sollte ehrlich sein, damit sie sexuell auf ein einvernehmliches Quivive kommen. „Stempel und Tendenz unserer Zeit ist die Wissenschaft“, so schon Heine. Und Wissenschaft kennt kein Tabu. Kein Grund für Heimlichtuereien!

Von recht blutleerer Indolenz in eroticis scheint die Gestalt der Leontine in Robert Musils Roman ,Der Mann ohne Eigenschaften': „Dass sie unsinnlich gewesen sei, hätte man zwar nicht behaupten können, aber sofern es erlaubt ist, wäre zu sagen, dass sie wie in allem so auch darin geradezu faul und arbeitsscheu war. In ihrem ausgedehnten Körper brauchte jeder Reiz wunderbar lange, bis er das Gehirn erreichte, und es geschah, dass mitten am Tag ihre Augen ohne Grund zu zergehen begannen, während sie in der Nacht unbeweglich auf einen Punkt der Zimmerdecke gerichtet waren, als ob sie dort eine Fliege beobachteten. Ebenso konnte sie manchmal mitten in voller Stille über einen Scherz zu lachen beginnen, der ihr da erst aufging, während sie ihn einige Tage zuvor ruhig angehört hatte, ohne ihn zu verstehen. Wenn sie keinen besonderen Grund zum Gegenteil hatte, war sie darum auch durchaus anständig.“

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