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  • freudholdriesenhar

Was stellt sich eine Frau bei der Selbstbefriedigung vor?

Blog 31


Aber selbst wenn es stimmt, dass „nur die Hälfte der Frauen bei der Masturbation regelmäßig sexuelle Phantasien“ haben – was mir ganz unplausibel scheint –, wüssten wir gern, welche Männer sie dabei vornehmlich im Kopfkino haben?

„Möchte doch wissen, was du denkst“, sagt in der Nausikaa-Episode des Roman ,Ulysses' des gewieften Frauenkenners James Joyce ein Mädchen Sissy zum andern. „Aber dies ist ja was ganz anderes“, denkt Gerty, „weil ein großer Unterschied vorhanden ist, und fast fühlt sie, wie er ihr Gesicht zu dem seinen herabzieht, fühlt fast die erste schnelle Berührung seiner schönen Lippen. Und dann gibt es ja auch Absolution, solange man das andere nicht tut, bevor man verheiratet ist, und es sollte eigentlich weibliche Priester geben, die verstünden, ohne dass man ihnen lang und breit erzählt, und Sissy hat auch manchmal diesen seltsam verträumten Blick in ihren Augen, so dass auch sie wohl, meine Liebe, und Winny, die so toll auf Fotos von Schauspielern ist, und außerdem war es auch wegen des andern, das nun bald kam...“

Es sollte eigentlich weibliche Priester geben, die verstünden, ohne dass man ihnen lang und breit erzählt? Was erzählt? Was die Priesterin dabei selber im Kopf hat? Es kann ja kein großes Geheimnis sein, was die Frauen bei der sexuellen Selbstbefriedigung imaginieren: Natürlich sind es ,schöne' und gutaussehende Männer entsprechend dem ,Männchenschema', wie etwa der Verhaltensforscher Konrad Lorenz es, sei's angeboren oder erworben, 1943 beschreibt.

Die Spuren davon entdeckt er gleichermaßen im Leben wie in den Werken der Kunst: „Versuchen wir nämlich“, so Lorenz, „aus echten Kunstwerken und aus ausschließlich nach Gesichtspunkten des Publikumsfanges hergestellten Machwerken jene Merkmale zu abstrahieren, die einem Mann zukommen müssen, um unser Werturteil ,schön' ansprechen zu lassen, finden wir in ganz erstaunlicher Übereinstimmung die gleichen, gemeinsamen und wesentlichen Kennzeichen in den Werken ältester und neuester, echtester und schundigster Künstler, um es grob zu sagen, von Praxiteles bis zur Marlitt. Den schaffenden Künstlern einer das Schöne am reinsten empfindenden Periode, die unsere Rasse je erlebt hat, haben dieselben Merkmale ,gefallen' wie den breitesten Kreisen der heutigen Leserinnen billiger Romanliteratur. Dies ist für mich ein überzeugender Beweis für das Vorhandensein angeborener Vorformungen bei beiden.

Neben den … Proportionsmerkmalen der breiten Schultern und schmalen Hüften scheinen lange Beine und ein flacher, magerer Bauch wesentlich zu sein, dazu kommt bei allen Darstellungen übereinstimmend die Bevorzugung einer langen Schädelbasis. Man mag sowohl die bildlichen Darstellungen echter und gemachter Kunst, als auch sämtliche guten und schundigen Romane aller Zeiten daraufhin durchgehen, man wird keinen ,Helden' finden, der kurze Beine, einen Schmerbauch, schmale Schultern oder eine Stupsnase hat!“

Im Rahmen einschlägiger Werke von Praxiteles bis zur Marlitt schreckt der ethologische Wahrheitssucher auch nicht vorm Studium billiger Romanliteratur zurück: „Sehr interessant sind die Versuche der typischen Romanschriftstellerin, der Abwechslung halber einmal einen ,hässlichen' Helden darzustellen. Dieser bekommt dann wüste Narben ins Gesicht, es können ihm Augen, Arme und Beine fehlen. Ihn aber mit einem der genannten, gegen die Schemata der Leserinnen verstoßenden negativen Merkmale auszustatten, darf die Schriftstellerin nicht wagen. Ich habe mit großem Interesse und beträchtlicher Erheiterung die Schriften von Marlitt, Eschstruth, aber vor allem im Englischen die von Elinor Glyn daraufhin durchgelesen und dabei eine trotz der angewandten ,Methode' ans Geniale grenzende Fähigkeit zur Erzeugung ,überoptimaler' Attrappen gefunden, die ja auch zum Erwerb großer Vermögen durch die Erzeugerinnen geführt hat.“

Also nicht einmal eine Stupsnase darf man haben, wenn man den Ehrgeiz hat, den Frauen bei der Masturbation als vollgültiges Modell vorschweben zu wollen! Offenbar sind es ausgesprochen ,sexy' Männer. Prominente Schauspieler, Sportler, Sänger und Ähnliche haben hier die besten Chancen. Große Philosophen, Dichter, Wissenschaftler und Künstler dürften eher schlecht abschneiden. Im ,Ulysses' selber deutet Joyce es diskret an. Dort hat Sissy „manchmal diesen seltsam verträumten Blick in ihren Augen, so dass auch sie wohl, meine Liebe, und Winny, die so toll auf Fotos von Schauspielern ist“…

Der Sexappeal beruht bekanntlich ebenso auf subjektiven Wahrnehmungen wie auf objektiven Befunden. Was den einen für den andern sexy macht, ist individuell uneinheitlich von Mensch zu Mensch, nicht offiziell reglementiert, und hängt zudem von kulturellen und kulturgeschichtlichen Faktoren ab. Wie man's aber auch dreht und wendet: auch der männliche Sexappeal basiert für 76 % der Befragten auf der äußeren Erscheinung. Fettleibige Zeitgenossen werden als am unattraktivsten empfunden. Schlanke, aber nicht zu dünne Menschen werden gegenüber beleibteren klar bevorzugt.

Da aber muss es nicht unbedingt der sexiest man alive, sondern kann auch irgendein x-beliebiges scharmantes Mannsbild aus der Nachbarschaft sein, das uns den Rang abläuft!

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