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  • freudholdriesenhar

Was ist das genau, der Orgasmus – 3?

Blog 52


Sind nicht unsere Hirnfasern und zerebralen Areale alle so verschlungen wie die Lianen des kolumbianischen Regenwalds, und die Zellen, Vesikel und Depots der Lust wie die verborgenen Kokaplantagen und versteckten Kokainküchen, aus denen die Luststoffe global über unser ganzes Gehirn transportiert werden?

Darunter befinden sich die Peptide Oxytocin und Adiuretin alias Vasopressin. Darunter sind als Steroidhormone besonders die sogenannten von Butenandt und Ružička entdeckten Sexualhormone wie das Androgen Testosteron, und Östrogene wie Östradiol und Progesteron. Daneben das sogenannte ,Liebesmolekül' Phenylethylamin, dann das Prolaktin, das Oxytocin und Vasopressin. Es sind offenbar Substanzen, die wir als lustvoll empfinden – der Stoff, aus dem die Wollust ist.

Natürlich sind noch andere lusterzeugende Zellen und Moleküle aller Art daran beteiligt. Es wird wohl noch gerätselt, warum genau wir – entsprechend der Identitätstheorie im Geist-Körper-Problem – bestimmte Stoffe als lustvoll empfinden (und andere nicht), dazu müsste das Leib-Seele-Problem bereits definitiv gelöst sein.

Tatsache aber ist, dass wir sie als lustvoll empfinden. Wir haben bereits Frank Schätzing zitiert: „,Wir sind ein Chemiebaukasten. Marianne fühlt ihren Erregungsspiegel steigen. Das hier ist bedeutend weniger langweilig als alles, worauf sie noch zu hoffen gewagt hat. ,Endorphin, Serotonin, Dopamin, Noradrenalin. Mal geschüttelt, mal gerührt.'“ Das vordem so numinos scheinende Geheimnis Orgasmus ist ein physiko-chemischer Gehirnprozess. Nennen wir die ausgeschütteten Endorphine die elysischen Elixiere, die jederzeit mobilisiert und freigesetzt werden können. Wann genau aber werden sie freigesetzt?

Beim Sex! Schon wenn die libidinöse Erregung einsetzt, spüren wir die physiologischen Veränderungen in uns. Offenbar wird bei beginnender Geilheit ein zerebrales elektrochemisches Feld aufgebaut. Die Zellen, Rezeptoren und Vesikel der Lust, an sich rein chemischer Natur, werden durch die neuronalen Ströme mit dem Geist – zumal in Form der erotischen Phantasie – verlinkt und durch diesen beeinflusst und manipuliert. Daher kommt es, dass wir durch die bloße Phantasie sexuell erregt werden können, und desto stärker erregt werden, je mehr entsprechende Phantasie wir mobilisieren.

Millionen und Abermillionen Moleküle der Lust sind übers Gehirn dispersiert, und das neurochemische Feld der geschlechtlichen Erregung – das Potenzial, in dem die sexuelle Erregung besteht! –, wird desto stärker geladen und hormonell gesättigt, je mehr dieser Moleküle angeregt und mit einbegriffen werden. Mit einer Stelle aus Wladimir Nabokovs Roman ,Lolita': ,Die Nerven der Lust werden bloßgelegt. Die Krauzeschen Korpuskeln geraten in die Phase der Raserei.'

Leicht vorstellbar, dass alle hundert Milliarden Neuronen unseres Menschenhirns – bzw. ein gerüttelter Teil davon – mit einem ,Lustfaktor' in Form angehängter hormoneller Vesikel gleichsam ,gewichtet' sind, so dass immer dann, wenn das Neuron feuert, dessen toxisch berauschender Inhalt zur Ausschüttung kommt. Von Zahl und Art der Gewichtung hinge es ab, in welchem (prinzipiell durchaus sogar quantifizierbaren!) Maß eine Person ,sinnlich' ist, wie sehr er oder sie libidinös geprägt ist und wie intensiv ihre Erregung und Entladungen sind.

Gibt es einen Unterschied nach Art und Zahl der Hormone, so werden sie auch von Mensch zu Mensch differieren. Hat einer wenig libidinöses Empfinden, so nennen wir ihn ein ruhiges oder gar kaltes Blut. Hat einer ein besonders sinnliches Temperament, nennen wir ihn heißblütig und leidenschaftlich. Hat eine Person sehr viele solcher Neuronen, oder sind diese über ihr oder sein ganzes zentrales Nervensystem verstreut, wird er vorm Großhirn übers Mittelhirn bis ins Stammhirn hinein von der Wollust affiziert werden. Die Folge ist eine überstarke Sexualität – eine Hypersexualität, wie sie der Arzt Paul Julius Möbius etwa dem Dichter Heinrich Heine bescheinigte.

Oder Thomas Mann (pro domo?) dem Philosophen Arthur Schopenhauer: „Die Willenstriebe dieses Menschen, besonders seine Sexualität, müssen überaus stark und gefährlich gewesen sein, torturierend wie die mythologischen Bilder, mit denen er die Fron des Willens beschreibt, – sie müssen der Gewalt seines Erkenntnistriebes, seiner klaren und mächtigen Geistigkeit auf eine so widerstreitende Weise entsprochen haben, dass eine furchtbar radikale Zweiheit und Zerrissenheit der Erfahrung und tiefstes Erlösungsverlangen, die geistige Verneinung des Lebens selbst, die Beschuldigung seines An-sich als böse, irrsälig und schuldhaft das in einem hohen Sinn groteske Ergebnis war. Das Geschlecht ist für Schopenhauer der ,Brennpunkt des Willens', in seiner körperlichen Objektivation der Gegenpol des Gehirns, des Repräsentanten der Erkenntnis.

Dies zusammen mit dem Umstand, dass es ja gerade unser Denkorgan ist, in dem der Sex primär stattfindet und das nach völliger Inanspruchnahme und Erschöpfung seiner hedonistischen Ressourcen verlangt!

Selbstverständlich scheidet hier jede Möglichkeit des Vergleichens aus“, heißt es in Manns Roman ,Memoiren des Hochstaplers Felix Krull'; dennoch gehe seine „private Überzeugung, die ich damals gewann und die weder beweisbar noch widerlegbar ist, unerschütterlich dahin, dass bei mir der Liebesgenuss die doppelte Schärfe und Süßigkeit besaß als bei anderen.“

So unmöglich scheint da die Möglichkeit des Vergleichens also gar nicht zu sein, und das schon gar nicht in einer Zeit wie der unsrigen, wo die Probanden bereits unter dem MRT kopulieren, um die Forscher die begleitenden elektrischen und neurochemischen Prozesse mitprotokollieren zu lassen!

(Zugunsten einer orgasmologischen Versuchsreihe wurden laut dem Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel in Lust und Schmerz, 1982, gelegentlich „vier männliche und drei weibliche Versuchspersonen im Alter von 21 bis 32 Jahren gewonnen. Alle Versuchspersonen waren sexuell aktiv und hatten Masturbationserfahrung. Aufgabe der Versuchspersonen war es, nach ausführlicher Vorbereitung auf das Experiment bis zum sexuellen Höhepunkt zu masturbieren, wobei während der Masturbation das EEG von verschiedenen Bereichen des Kopfes abgeleitet wurde ... Wann immer ein Orgasmus erreicht wurde, musste dies über ein Signal in das angrenzende Labor gemeldet werden.“ Man sieht den Probanden im Labor also beim Orgasmus zu. Mehr davon später.)

Präludiert wird das von dem jungen Harry in meinem Roman ,Des Lebens flaumenleichte Frühe': „Jedes Weib ist mir eine geschenkte Welt, ich schwelge in den Melodien ihres Antlitzes, und mit einem einzigen Blick meines Auges kann ich mehr genießen als andere, mit ihren sämtlichen Gliedmaßen, zeit ihres Lebens.“

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