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  • freudholdriesenhar

Warum wirkt das hedonistische Gestöhne trotzdem echt?

Blog 14


Die so genannten ,Pornostars' – denn die Darsteller im erotischen Film figurieren ebenso als ,Stars' wie die populären zivilen Schauspieler (es gibt sogar eine Art Porno-Oscar) – begleiten ihre Aktivitäten meist mit lustvollem, orgiastischem Gestöhne. Führt der zwischengeschlechtliche Koitus aber keineswegs zu einer Art Wollust, die zu solch ekstatischem Geächze Anlass gäbe, und haben dazu die Damen, die dabei vom Orgasmus ja meist weit entfernt sind, also gar keinen Grund, – erscheint einem dies Gestöhne paradoxerweise meist doch ganz und gar realistisch und lebensecht.

Überhaupt werden die Filme zumeist von außen her von angeheuerten Synchronsprechern ,bestöhnt' (– ein Neologismus, durch den unser Wortschatz erst durch den erotischen Film bereichert worden sein dürfte), und die Darsteller, beziehungsweise deren Synchronisationen, brüsten sich ihrer Lust über den grünen Klee.

Also wie es im klassischen Schmierentheater bestellte Claqueure gibt, die auf Kommando selbst da applaudieren, wo es wenig zu applaudieren gibt, so gibt es im Pornofilm bestallte Bestöhner, die immer auf Kommando stöhnen (– bei den Asiatinnen hört es sich oft eher nach einer Art Ächzen an), auch wenn die Dirn auf der Leinwand außer ihrem Ennui vielleicht gar keinen Grund zu stöhnen hat.

Geradeso wie bei manchen so genannten ,Comedys' im Fernsehen bestellte Lacher angeheuert sind, die bei jedem müden Witz in orgiastisches Gelächter ausbrechen, gibt es im Porno professionelle Stöhner, die ekstatisch stöhnen, auch wenn die Koitierenden auf dem Set gar nichts zu stöhnen haben. So gaukeln uns die aus dem Off synchronisierten Akteure akustisch eine Sinnenlust vor, von der sie in actu aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach weit entfernt sind. Wenn irgend, so greift hier Platons philosophisches Wort: ,Nichts prahlt so sehr wie die Lust.'

Zu denken, dass alle diese ,Stars' glauben, die ultimative sexuelle Ekstase simulieren zu müssen, während sie in Wahrheit weit hinter ihrem eigentlichen Potential zurückbleiben – eine groteske Vorstellung!

In Shakespeares ,Hamlet' bezichtigt der demoralisierte Protagonist sich selbst förmlich als ,Hure', weil er, der eigentlich am meisten dazu motiviert wäre, zu keiner konsequenten Haltung fähig sei, wohingegen die Schauspieler am Hof schon durch die bloße leidenschaftliche Vorstellung zu körperlichen Reaktionen bewegt werden:

... Ist's nicht erstaunlich, dass der Spieler hier

Bei einer bloßen Dichtung, einem Traum

Der Leidenschaft, vermochte seine Seele

Nach eignen Vorstellungen so zu zwingen,

Dass sein Gesicht von ihrer Regung blasste,

Sein Auge nass, Bestürzung in den Mienen,

Gebrochne Stimm', und seine ganze Haltung

Gefügt nach seinem Sinn. Und alles das um nichts!

Um Hekuba! ...

Ha, welch ein Esel bin ich! Trefflich brav,

Dass ich … mit Worten nur,

Wie eine Hure, muss mein Herz entladen

Und mich aufs Fluchen legen, wie ein Weibsbild,

Wie eine Küchenmagd!

Dabei haben die Spieler im Stück doch zumindest den latenten dramatischen Hintergrund im Sinn, – wohingegen die Darsteller im Porno schon da orgiastisch stöhnen, wo sie noch nicht einmal reale Lust verspüren. ,Und alles das um nichts! Um Hekuba!'

Was für Lautäußerungen gibt eine Frau beim Geschlechtsakt – intersexuell, lesbisch oder ipsistisch – dann eigentlich natürlicherweise von sich?

Gleichviel welche!, sie müssten nur aufrichtig und natürlich sein. Vermutlich wird sie da umso glaubhafter, je weniger sie von sich gibt – und wenn sie dabei nahezu stumm und unartikuliert bleibt.

Aber merkwürdig. Eigenartig und seltsam: Irgendwie hört sich das ekstatisches Getue, und zwar beider Geschlechter, in gewisser Weise doch auch wieder ganz plausibel und lebensecht an!

Das Paradox ist leicht aufzulösen: Nicht deshalb, weil die Akteure und Aktricen auf dem Set auch nur annähernd die Wollust empfänden, die sie faken, erscheint ihr orgiastisches Gestöhne durchaus berechtigt, – sondern deshalb, weil, auch wenn ihre Lust hier nicht annähernd so real ist, es gleichwohl doch eine solche Lust gibt, die der hier simulierten entspricht!

Nicht aber die Lust beim Koitus ist es, die ihr so synästhetisch korrespondiert, sondern – die Lust bei der Masturbation: Der Betrachter kann nicht umhin, es so zu empfinden, als dass das fingierte Gestöhne von der Leinwand genau zu seiner eigenen Selbstbefriedigungsorgien passt. Würde er selber seine – allfällig tonlosen – einsamen Ekstasen akustisch untermalen wollen, dann könnte er ihnen nicht besser Ausdruck geben als eben so!

Anders gesagt, den kopulierenden Akteuren der Leinwand wird, ungeachtet ihrer wahren Sensationen auf dem Set, in effigie einfach diejenige Lust unterschoben – sozusagen untergejubelt –, die ihnen, wie den Synchronisateuren und Synchronisateurinnen auch, von ihrer je eigenen Selbstbefriedigung her vertraut ist.

Sie brauchen vor Kamera und Mikrofon auf dem Set visuell und akustisch einfach nur so zu tun, als hätten sie beim Geschlechtsakt mit ihrem Partner denselben hedonistischen Kitzel wie bei ihrer einsamen Masturbation: Der Koitus imitiert onomatopoetisch die Onanie! Ein hedonistisches Mimikry!

Was Wunder also, wenn der Voyeur, der sich bei seiner Selbstbefriedigung vor der Leinwand ebendieselbe Lust verschafft, auch das ihr unterschobene Gestöhne als ,realistisch' wahrnimmt? Das Sein wird zum Schein, und der Schein zum Sein: Das Sein realer Lust (der Selbstbefriedigung) wird zum bloßen Schein der Lust (auf der Leinwand), und der bloße Schein der Lust (auf dem Bildschirm) wird zum Sein realer Lust (vor dem Bildschirm). Seine reale Lust ist aufs Haar identisch mit der, die die Kopulierenden bloß simulieren, und die Lust des online masturbierenden Voyeurs ist mit ziemlicher Sicherheit viel intensiver als die faktische der aktuellen Akteure!

Die Dummys der Leinwand müssten ihre Epigonen im Parkett um der Wirkungen, die sie selbst ihnen verschaffen, eigentlich beneiden!

Dabei herrscht auch hier wieder ein Moment der Täuschung und des von Schopenhauer analysierten Wahns! Denn da der Betrachter ebenso das Gestöhne von der Leinwand wie seine eigene Lust synchron und identisch mit den aktuell agierenden Akteuren assoziiert, – ist er versucht, ihnen die entsprechend authentische Lust doch auch aktuell wieder zu unterstellen. So neigt er dazu, zu glauben, sie empfänden die Lust, die sie faken, de facto.

Damit verfällt er selber wieder der Täuschung, der reale Koitus verschaffe dieselbe Lust wie die ipsistische Phantasie – dem Glauben, der Koitus hielte, was die Onanie verspricht. Und er glaubt es um so bereitwilliger, als er ja seine eigene faktische Lust dem sichtbaren Akt auf der Leinwand oder dem Bildschirm entlehnt.

,Mundus vult decipi.' Die Welt will betrogen werden, auch in der Lust. Das Subjekt täuscht sich gern, zumal es ja auch nur eine relativ flüchtige Unwahrhaftigkeit – mauvaise foi – um der körperlich real empfundenen Lust willen ist!

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