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Ist man vom Viktorianismus weg schon bei der Labor-Sexualität?

Blog 62


In seinem Buch ,Lust und Schmerz' 1982 stellt der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel sich im Kapitel ,Lust: Vom Viktorianismus zur Labor-Sexualität' auch der Frage nach der „Bedeutung des Orgasmus, vor allem des weiblichen“!

Die Skrupel, die er noch dabei hat, dürften sich mittlerweile erledigt haben:

„Wenn ein Neurowissenschaftler so etwas Intimes wie Lust und Liebe untersuchen will, dann sträuben sich wohl vielen die Haare. Wie sollte es möglich sein, dem privatesten Bereich menschlichen Erlebens mit neurowissenschaftlichen Methoden zu Leibe zu rücken? Ist sexuelle Lust nicht intensivster Ausdruck unserer persönlichen Identität und entzieht sich darum der Mitteilbarkeit – selbst dem geliebten Menschen gegenüber? Spricht aus dem Anspruch jener Wissenschaftler, die neuronalen Mechanismen zu erklären, die dem Lusterlebnis zugrunde liegen, nicht eine unerhörte Hybris, die intimen Facetten unseres Daseins mechanistisch oder materialistisch deuten zu wollen? …

Möglicherweise aufgrund einer besonderen Schamhaftigkeit hat man in der naturwissenschaftlichen Beschreibung der menschlichen Natur lange das Studium der Sexualität vermieden.“

Besondere Schamhaftigkeit in der naturwissenschaftlichen Beschreibung der menschlichen Natur? Diese Schamhaftigkeit dürfte inzwischen der Vergangenheit angehören. Wissenschaft kennt kein Tabu. Ein ,Tabu' dient immer nur der Verschleierung der Wahrheit; und die Wissenschaft ist, nach Lichtenbergs Wort, die Asymptote der Wahrheit. Es gibt beim Sex – dem Menschlichsten, Allzumenschlichsten – aber nichts zu verschleiern. Es gibt auch keinen schmutzigen oder schmuddeligen Sex, es gibt immer nur guten oder weniger guten Sex.

Die intimen Facetten unseres Daseins mechanistisch oder materialistisch deuten zu wollen? Wie denn sonst, wenn nicht bio-mechanisch und naturalistisch-materialistisch? Wenn überhaupt der Wahrheit gemäß, dann natürlich nur so! Der naturalistische Materialismus ist die Basis aller neuzeitlichen Wissenschaft; „all dies ist,“– wie der große Bertrand Russell sagt – „wenn nicht schon über jeden Zweifel erhaben, so doch derart wahrscheinlich, dass keine Philosophie, die dies abstritte, Aussicht hat, zu bestehen“!

Für die Durchführung der orgasmologischen Versuchsreihe wurden laut Pöppel „vier männliche und drei weibliche Versuchspersonen im Alter von 21 bis 32 Jahren gewonnen. Alle Versuchspersonen waren sexuell aktiv und hatten Masturbationserfahrung.“

Das klingt plausibel. Man kann, um den Erfolg derartiger elektrozephalografisch-orgasmologischer Experimente zu garantieren, natürlich keine Probanden brauchen, die noch keine Masturbationserfahrung haben; allerdings sollten solche auch nicht allzu schwer zu finden sein. Und je mehr Erfahrung sie dazu mitbringen, desto besser.

„Aufgabe der Versuchspersonen war es“, so Pöppel, „nach ausführlicher Vorbereitung auf das Experiment bis zum sexuellen Höhepunkt zu masturbieren, wobei während der Masturbation das EEG von verschiedenen Bereichen des Kopfes abgeleitet wurde. Wesentlich war dabei, dass das EEG von der linken und rechten Schädelseite getrennt aufgezeichnet wurde. Wann immer ein Orgasmus erreicht wurde, musste dies über ein Signal in das angrenzende Labor gemeldet werden.“

Auffällig ist, dass man die Probanden dabei nicht kopulieren, sondern stattdessen bloß masturbieren ließ: War man sich beim intersexuellen Verkehr nicht sicher, dass es – jedenfalls bei der Frau – auch wirklich zu den fraglichen Orgasmen käme, so dass man um auf Nummer sicher zu gehen auf die Onanie zurückgreifen musste?

Wie dem auch sei, „die Ergebnisse dieser Experimente“, so Pöppel, „sind außerordentlich aufschlussreich für unser Verständnis menschlicher Sexualität, auch wenn man sich zunächst fragen mag, ob derartige Studien über ,Labor-Sexualität' überhaupt sinnvoll (oder gar akzeptabel) sind.“ (Solche moralinsauren Zweifel dürften sich wie gesagt mittlerweile erübrigt haben.) „Es ergab sich nämlich, dass mit dem Einsetzen des Orgasmus im Gehirn ein völlig verändertes Muster von Aktivität entsteht. Das Wesentliche ist dabei, dass es vorübergehend zu einer Dissoziation zwischen den beiden Gehirnhälften kommt. Während die linke Gehirnhälfte vom Orgasmus praktisch unbetroffen bleibt, bricht in der rechten Gehirnhälfte offenbar eine Revolution aus. Die vorangehende elektrische Aktivität verändert sich schlagartig zu einem neuen Muster; statt der sonst vorhandenen Alpha-Wellen (10 Hz) treten in der rechten Hemisphäre, und nur in dieser, plötzlich Theta-Wellen (4 Hz) mit einer sehr hohen Amplitude auf.

Das bedeutet, dass für den Zeitpunkt des Orgasmus eine Entkopplung zwischen den Gehirnhälften gegeben ist. Die linke, die auch als verbale oder analytische Hemisphäre bezeichnet wird, setzt ihre Tätigkeit ,unbeteiligt' fort, während die rechte ganz deutlich zeigt, dass sie die emotionelle Hemisphäre ist, indem sie sich in ihrer Tätigkeit von der anderen Seite vorübergehend befreit.

Dieser Befund bedeutet interessanterweise aber auch..., dass wir trotz des Höchstmaßes an Lust nur ,halb' beteiligt sind, da nur die Hälfte des Gehirns beteiligt ist. Das lässt sich auch so ausdrücken, dass jeweils nur das halbe Gehirn zur höchsten Lust führt. Letzteres konnte tatsächlich auch in den zitierten Experimenten bestätigt werden. Wurde ein Orgasmus nur gespielt, stellte sich die Dissoziation zwischen den Hemisphären nicht ein, d.h. die Umstellung der Aktivität in der rechten Hemisphäre blieb aus.“

Also auch beim postviktorianischen Laborsex besteht immer noch ein beträchtliche Grauzone wissenschaftlicher Erkenntnis. Der Orgasmus wird manchmal – vielleicht mehr bei den Frauen als bei den Männern – nur gespielt, so dass, wie der Mann im Bett, auch die Wissenschaft im Labor ständig der Unsicherheit nur vorgetäuschter Orgasmen ausgesetzt bleibt. Wird, wie der Mann im Bett, von den Probandinnen auch die wertfreie Wissenschaft im Labor hinters Licht geführt?

Heißt das, dass die Dissoziation zwischen ihren Hirnhemisphären sich dann nicht allzu oft einstellt und diese Damen bei den Alpha-Wellen verbleiben, anstatt forsch zu den Theta-Wellen fortzuschreiten?

Eine Entkopplung zwischen den Gehirnhälften? Nun haben wir aber bemerkt, dass es beim Orgasmus wohl weniger auf die Hirnwellen ankommt, als vielmehr darauf, welche und wieviel Endorphine und andere endogene Drogen dabei zur Ausschüttung kommen: ,Marianne fühlt ihren Erregungsspiegel steigen... Endorphin, Serotonin, Dopamin, Noradrenalin. Mal geschüttelt, mal gerührt.' Werden diese auch nur in der rechten Hemisphäre ausgeschüttet anstatt über das ganze Gehirn?

Wie wenn ein Barkeeper nur eine Hälfte der Theke mit Hochprozentigem bedient und an der andern bloß Alkoholfreies ausschenkt?

Nun ist für die Innervierung der beiden Gesichtshälften jeweils ja die gegenüberliegende Gehirnhälfte zuständig. Könnte so den Effekt, dass „es mit dem Einsetzen des Orgasmus vorübergehend zu einer Dissoziation zwischen den beiden Gehirnhälften kommt und, während die linke Gehirnhälfte praktisch unbetroffen bleibt, in der rechten Hälfte eine regelrechte Revolution ausbricht“, nicht schon jeder für sich selber dadurch testen, dass er dabei auf seine linke Hirnhälfte achtet?

Ergibt sich ein Rest von Zweifel an solcher Dissoziation aber nicht schon aus der Beobachtung, dass die gelegentlichen Pickel im Gesicht, die sich allfällig heftiger sexueller Aktivität und dem subkutanen Blitz des Orgasmus verdanken, sich meist ja doch gleichermaßen über beide Gesichtshälften erstrecken?

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