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  • freudholdriesenhar

Ist die Lust am Ding-als-Erscheinung größer als die Lust am Ding-an-sich?

Blog 56


In einer Biografie Charles Darwins stieß ich einmal auf die auffällige Bemerkung, dass die viktorianischen Männer sämtlich ,überhitzt' in die Ehe gingen.

Gemeint war offenbar, dass die Männer allesamt so von ihrer jugendlichen Onanie geprägt waren, dass sie dann, als die sexuelle Befriedigung beim ehelichen Koitus dahinter zurückblieb, davon enttäuscht wurden. (Von den viktorianischen Frauen war dabei nicht die Rede.)

Wird die Libido der Person ipsistisch auf die erotische Phantasie geprägt, und funktioniert der reale Sex dann gar nicht so wie der Sex in der Phantasie, – dann kommt es zwangsläufig zu einem Auseinanderklaffen und Widerstreit zwischen der Lust bei der Onanie und der Lust beim wirklichen Sex.

Entfaltet die erotische Erregung sich wesentlich über die Phantasie, so ist auch die Befriedigung durch die Phantasie größer als die Befriedigung über den koitalen Kontakt.

So führt die sexuelle Selbstbefriedigung zu einem inneren Erlebnismuster der Lust, – ein Ideal, das durch die sexuelle Praxis dann nicht annähernd mehr zu erreichen ist – ein durch den Ipsismus gegebenes Versprechen, das der Koitus nicht halten kann. Die Folge ist ernüchternde Enttäuschung. Enttäuscht werden aber kann nur, wer sich vorher getäuscht hat; und die Täuschung bestand darin, zu glauben, die Lust beim realen Sex sei mindestens so intensiv wie die Lust in der Onanie.

In meinem Roman ,Ohne Mephisto!' (Kindle-Taschenbuch) gewinnt der in Paris exilierte deutsche Dichter Henri die Liebe von Crescence Eugénie Mirat aus Le Vinot de la Trétoire im Départment Seine-et-Marne, seiner späteren Frau Mathilde. Auch ihre erste Liebesnacht ist eine Enttäuschung. Der 36-jährige Romantiker weiß trotz diverser Bordellerfahrungen noch immer nicht, wie man eine Frau sexuell behandelt. Unbehilflich wie der erste Mensch dringt er in sie ein.

Nun aber, sollte er geglaubt haben, seine Erregung stiege in dem Maße, als er in ihr schwelgte – als stieg, hamletisch gesprochen, ,das Wachstum seiner Lust mit dem, wovon sie sich nährte', und entspräche so in direktem Verhältnis dem Grad seiner Geilheit während der letzten Tage, da es ihn so sehnsuchtsdringlich nach ihr verlangte – bis hin zu seiner ekstatischen Befriedigung in dem Augenblick, da er sich konvulsivisch in sie ergießt –, – so sieht er sich aufs schmählichste enttäuscht und ernüchtert.

Er findet in der physischen Vereinigung die Lust nicht wieder, die er in seinen sehnsüchtigen Träumen aus ihr zog, und auch die Intensität seines Höhepunkts steht in keinem organischen – um nicht zu sagen, rationalen – Verhältnis zu jener, die ihm, so er nicht bewusst darauf verzichtete, seine eigene ipsistische Befriedigung jener Sehnsucht verschafft haben würde, – die gleiche Ekstase, die er sich während ihrer halbjährigen Abwesenheit in Gedanken an sie verschafft hatte.

Kurz, er erfährt, so wie jeder Verliebte nach dem endlich erlangten Genuss, genau die von Arthur Schopenhauer philosophisch beschriebene wundersame Enttäuschung und „ein Erstaunen, dass das so sehnsuchtsvoll Begehrte nichts mehr leistet als jede andere Geschlechtsbefriedigung: so dass er sich nicht sehr dadurch gefördert sieht … Wie jeder Verliebte findet er, nach endlicher Vollbringung des großen Werks, sich angeführt: denn der Wahn ist verschwunden, mittelst dessen hier das Individuum der Betrogene der Gattung war“: Dieser ,Verliebte' ist offenbar ein solcher, der den ,endlich erlangten Genuss' schon mannigfacher Weise in seiner Phantasie vorwegnahm, – ansonsten er die Enttäuschung ja gar nicht empfinden könnte. Denn wer sich nicht vorab über die Lust getäuscht hat, der kann auch nicht von ihr enttäuscht werden!

Ihre erste Liebesnacht ist wie ein possenhaftes Nachspiel auf seine dramatische Leidenschaft in Vinot, eine herbe Enttäuschung, – als tauchte er, stümperhafter Schmied seines Glücks, sein weißglühendes Zepter aus der Esse seines Verlangens ins abfrischende Wasserbad seiner Erfüllung. Einmal mehr muss er erfahren, wie so ganz unvergleichbar der zwischengeschlechtliche Sex mit der Intensität seiner ipsistischen Befriedigung ist, und dass, nach Marcel Prousts Wort, in Venedig zu sein, nicht dasselbe ist wie von Venedig zu träumen.

Kaum nämlich ist er ohne weiteres Vorspiel in sie gedrungen, sein steifgewordenes Fleisch in dem ihren versenkt, da glaubt er auch schon zu spüren, wie seine Überhitztheit alsgleich kühlend abflaut und er hinter seine vorige Geilheit zurückfällt.

Er täuscht sich nicht. Seine tagelang durch die geistig-seelische Leidenschaft stets von neuem entfachte Glut zerstiebt, und vergebens sucht er sie durch einen forcierten physischen Kraftakt wieder neu zu entfachen. Verlorene Liebesmüh! Es ist, als vertrüge die ihn in monatelanger sehnsuchtsgeladener Phantasie vom Scheitel bis zur Sohle bis in die äußersten Verästelungen seines Nervengewebes hinein erfüllende Sinnenglut sich schlecht mit dem grobschlächtigen Kontakt des Fleisches.

Es ist, als träfen zwei gänzlich inkompatible Medien antagonistisch aufeinander; als zweige die glühende Spur seiner Leidenschaft auf halber Strecke auf ein Gleis anderer Spurweite ab, als auf welchem sie eingefahren. Büchners Danton scheint ihm Recht zu behalten: Es ist, dieweil sich die glandialen und vaginalen Schleimhäute aneinanderschmiegen, als ,rieben sie nur das grobe Leder aneinander ab'. Er fühlt sich wie ein gewohnheitsmäßiger Trinker, dem kurz vor dem erstrebten Rausch die Flasche ausgeht. Er spürt, er muss, um sich neu zu erregen, auf die Phantasie regredieren, und ruft sich schimärisch den letzten Tag auf der Chaiselongue in Vinot zurück, als er, mit ihr auf seinem Schoß, gerade seine Hand unter den Rand ihres Röckchens schob...

Das ist aber prekär! Das ist extrem beschämend und paradox, wenn man, um in der realen Liebe ans Ziel zu kommen, wieder auf eben diejenigen Wirkungen erotischer Phantasien rekurrieren muss, denen man durch sie gerade entkommen hat wollen. Hochnotpeinlich ist das! … –

Sogar Schwierigkeiten, zum Höhepunkt zu kommen, hat er, wie einem Kletterer schon weit unterhalb des Gipfels die Luft ausgeht und er auf halber Strecke aufgeben muss. Noch nie verstand er das Problem mancher Männer mit der sogenannten ,eiaculatio praecox' – dem vorzeitigen Samenerguss –, die so schnell zur Ejakulation kommen, dass die Frau nicht mithalten kann und unbefriedigt auf der Strecke bleibt. Diese eiaculatio praecox hat er noch nie verstanden. Das ist ihm absolut fremd. Im Gegenteil hatte er stets eher Mühe, beim Beischlaf überhaupt zum Höhepunkt zu kommen!

Aber was heißt hier überhaupt ,Problem' seitens der Männer? Wollust sollte es stattdessen doch heißen! Bedeutet es, wenn der Mann, wenn es ihm kommt, es nicht zurückhalten kann, doch nichts anderes, als dass ihm der Saft mit solch unwiderstehlicher Gewalt aus den Gonaden gezogen wird, dass er sich schlechthin nicht dagegen anstemmen kann. Mit welch chthonisch-vulkanischer Lust aber wäre es doch verbunden, wenn es einem das Mark mit solcher Saugkraft aus den Knochen zieht! Gerade so markverzehrend, hat er es sich vorgestellt, würde die Lust mit Crescence sein!

Und was für ein wollüstiger Genuss für den Mann, dann, wenn es ihm kommt, es noch möglichst lange hintanhalten und hinauszögern zu müssen! So als würde man sich bewusst dem Saugheber entgegenstemmen, der einem das Mark aus den Knochen zieht – im prekären Ausbalancieren ,jenes physiologischen Gleichgewichts', das sich, wie ein moderner Autor schrieb, mit gewissen Kunsttechniken vergleichen lässt' –, was die Wollust auf ungeheure Weise verschärfen müsste. Das würde er gern mal erleben! Bei ihm war es immer umgekehrt, er hatte – sei's durch chronische Onanie verwöhnt, sei's in seinem introvertierten Sex von Natur aus schwer zu befriedigen – stets eher das Problem, mit einer Liebesdienerin im Bordell überhaupt zum Orgasmus zu kommen; manchmal schon, ehrlich gesagt, bei ihr überhaupt einen hochzukriegen.

Mit Crescence dagegen, so seine Erwartung, würde alles ganz anders: Da sie jungfräulich und unverbraucht ist und er sie aufrichtig liebt, würden Erregung und Wollust sich ganz natürlich ergeben, – ihre ganze fein formierte Person von Kopf bis Fuß wäre der Saugheber, der ihm das Mark aus den Knochen zöge. „Ich war immer der Meinung, dass man in der Liebe besitzen müsste, und habe immer Opposition gebildet gegen die Entsagungspoesie.“

So würde er auch auf seine Frau Mathilden immer so scharf sein wie in seinem bislang unerfüllten Verlangen nach Crescence! Seine legitim angetraute Gattin wäre die real fortgesetzte Erfüllung der schimärisch unerreichbaren Geliebten.

Er wollte sich neben sie, auf sie, in sie legen und so lange in elysischer Lust in ihr pflügen, bis er es nicht länger mehr zurückdämmen könnte, bis die unwiderstehliche Saugkraft ihres Geschlechts in gemeinsamer markverzehrender Klimax den Saft bis auf den letzten Tropfen aus ihm zog und sie ihn instinktiv gleich einem natürlichen Saugheber entsamte. Liest man in den populären erotischen Romanen von der Geliebten nicht immer: sie saugte ihm das Sperma heraus wie das Mark aus den Knochen? Genauso stellte er sich seine ehelichen Vereinigungen vor! Alsdann würde er ausgepumpt, erschöpft, entleert in süßem Nachspiel neben ihr liegen – und warten, bis die Zisterne seiner Lust sich wieder gefüllt haben würde. Nach dem Orgasmus mit ihr wäre vor dem Orgasmus mit ihr. So und nicht anders malte er sich sein Eheleben aus.

Oft genug in Gegenwart von Frauen, von denen keine besondere Anziehung auf sich spürte, hatte er das Gefühl, dass auch der Geschlechtsverkehr mit ihnen kein sonderliches Vergnügen wäre. Er hätte sich aber nicht träumen lassen, dies könnte früher oder später auch für die Frau seines Lebens gelten. Jetzt erkennt er die Illusion: Auch mit ihr ist die Lust fleischlicher Vereinigung wenig anders als mit all den anderen Frauen seiner vergangenen Liebeleien.

Wie ist das möglich? Ist es tatsächlich die gemeine Erfahrung allen Fleisches – der Streich, den die Natur uns in der erotischen Phantasie spielt: Ist die Lust am Gegenstand in der Phantasie größer als die Lust am Besitz des Gegenstands in der Wirklichkeit?

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