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  • freudholdriesenhar

Hat die Orgasmuslüge eine historische Dimension?

Blog 20


Das Hörensagen von der Orgasmuslüge klingt schon auf Anhieb prekär genug. Betrachtet man es aber in seiner historischen und sozusagen diachronen Dimension, kommt man unausweichlich zu dem Schluss, dass die Männer beim Sex von den Frauen seit unvordenklichen Zeiten hinters Licht geführt werden – und sich nur allzu gern haben hinters Licht führen lassen.

Denn wie? Erscheint es nachgerade nicht als die älteste Lüge der Menschheit – vorausgesetzt, die Alten haben sich für Wahrheitsfragen wie diese überhaupt interessiert –, und ist der Schwindel mit der Lust noch altehrwürdiger als der mit der Religion? ,Mundus vult decipi' schon seit der Steinzeit?

Haben schon die steinzeitliche Venus vom Hohlefels vor 35 Jahrtausenden, oder die Venus vom Galgenberg, oder die 30 Jahrtausende alte Venus von Willendorf aus der Wachau ihren Gatten, wofern die überhaupt Wert auf ihr feminines Empfinden legten, eine Lust vorgeschwindelt, die sie in Wahrheit nicht hatten? Gilt das bereits für den Homo erectus – nomen est omen – vor 600.000 Jahren?

Dass laut Nathalie Weidenfeld Sex und Kinder die beiden Themen sind, „bei denen die Frauen am meisten lügen“, gilt sicher ja nicht erst seit heute. Indem die Darstellerinnen im modernen erotischen Film jedweder Couleur seit seiner Entstehung dieselbe koitale Lust vorgaukeln, kultivieren sie eine kollektive Lüge und Tradition, welche die Frauen, um sich nichts zu vergeben und der männlichen Illusion zu schmeicheln, seit Olims Zeiten pflegen. Derselbe Trend und Schwindel mit der Lust wird, ganz im Gegensatz zu seiner sonst aufklärerischen Tendenz, durch den modernen Porno perenniert.

Da hilft auch das – wohl ziemlich exotische – Pfeiferauchen der kopulierenden Inder nichts, denn wenn deren Gattinnen überhaupt kein vaginales Vergnügen kennen, dann können sie's dadurch auch nicht andauern lassen. Simone: „Ihr Körper zielt nicht auf einen deutlichen Abschluss des Liebesaktes hin.“ Das ist aber an sich schon ein bedauerlicher Verzicht, zweifeln wir ansonsten doch keineswegs daran und sind uns hundertprozentig sicher, dass auch die Frau geradeso gut eine orgasmische Wollust hat – und auch geradeso süchtig danach ist – wie der Mann. Nur hat sie sie eben nicht beim Liebemachen mit ihm!

Fakt dürfte sein, dass die Frau, die ja oft genug enttäuscht wurde und weiß, dass sie vaginal nicht zum Zuge kommt, die Hoffnung darauf längst aufgab. In ihrer Aussicht auf Lust steht sie beim Coïtus wie Dante Alighieri, der Dichter, vor dem Eingang zum Inferno: ,Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren!'

Macht sie dann aus der Not eine Tugend, indem sie so tut, als würde sie sich damit begnügen, auf halber Flamme gegart zu werden, – was bleibt ihr auch anderes übrig? Auch die schmachtenden Inderinnen, auch der klassische Kamasutra dürften hier keinen Ausweg aus dem Dilemma wissen.

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