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Hält der Koitus, was die Onanie verspricht – 1?

Blog 125


Der Protagonist meines Romans ,Porträt des Dichters als junger Mann', Harry, macht die ernüchternde Erfahrung, dass er durch die Freudenmädchen im Bordell beileibe nicht so erfreut, und durch die Liebesdienerinnen im Freudenhaus beileibe nicht so bedient, und durch die Sylphen im Eroscenter beileibe nicht so befriedigt wird wie durch die Orgien seiner einsamen Onanie.

Was in seiner Jugend nur ein dumpfes unbestimmtes Gefühl war, kondensiert mit der Zeit zu einem konkreten Ressentiment und schließlich zu irritierender Gewissheit: „Ein arger Wahn kömmt in mir auf, ich fange an, selbst zu glauben, dass ich geistig anders organisiert sei und mehr Tiefe habe als andere Menschen“ – eine Tiefe, deren Grund er selbst in seiner abgründigen Sinnlichkeit sieht. Ist auch sein Frauenbild durch diese bodenlose Libido bestimmt, die, da primär phantasiebedingt, am realen ,Weib' kein Genüge findet?

Er erklärt es sich wie alles wissenschaftlich-naturalistisch und sinnesphysiologisch. Hervorgerufen und geweckt wird die sexuelle Erregung zuerst durch den visuellen Eindruck zusammen mit den Wirkungen der Phantasie. Die maßgebliche Rolle des Geistes für die sexuelle Erregung geht schon daraus hervor, dass die mechanische Reizung der Geschlechtsteile allein ohne Mitwirkung der erotischen Vorstellungskraft zu gar nichts führt. Erst unter den begleitenden Vorstellungen der Phantasie beginnt auch sein Fleisch sich zu regen und unter dem andrängenden Blut sich gleichwie aufzupumpen, und je mehr erotische Phantasien und libidinöse Imaginationen er investiert, desto praller wird seine Erektion.

Die aufreizenden Bilder führen die Phantasie zu immer neuen Assoziationen, und diese bewirken im Verein mit der körperlichen Stimulierung die akkumulierende Lust. Die geschlechtliche Erregung, so scheint es, besteht in einem bestimmten hormonell angereicherten elektrochemischen Feld zwischen den Zellen und Molekülen des Gehirns, und je umfassender dieses elektrisch geladene Feld aufgebaut und hormonell gesättigt wird, desto stärker und umfassender ist die geschlechtliche Erregung. Dieses hormongesättigte Feld ist die geschlechtliche Lust! Es sind allein diese Zellen und Moleküle, durch welche die Lust auf biochemische Weise in die Welt kommt.

Es ist, wiegt er sich in seinen erotischen Träumereien, als würden in seinem Gehirn mehr und mehr Bereiche dieses Areals der geschlechtlichen Erregung – das Feld, in dem die Erregung besteht! – mit erfasst. Assoziiert und verknüpft werden diese Vorstellungsbilder mit den tiefsten Bedürfnissen und Sehnsüchten der Seele – die ja gleichfalls ausnahmslos neuronal und molekular kodiert sind –, der Reiz erweitert und vertieft sich, und er spürt subjektiv von innen heraus, wie er vorgehen muss, damit die zerebralen Bereiche seiner Lust bis in die äußersten Fasern seines Nervensystems hinein immer mehr gereizt, aufgereizt, ausgereizt werden. Er nennt es, nach dem Wort für ,paradiesisch', die ,Elysischen Gefilde' der Lust.

(Ist dieses Feld, fragt er en passant, ein lokales zerebrales Phänomen – derart, dass es auf ein bestimmtes Gebiet im Gehirn konzentriert ist? Oder ist es ein globales Phänomen – dergestalt, dass es über das gesamte Gehirn expandiert? Die umfassende Macht, mit dem es ihn ergreift, deutet auf eine Verbreitung der involvierten Zellen und Moleküle über das ganze Gehirn. Ist die Hirnforschung unserer Zeit schon fortgeschritten genug, eine Antwort darauf zu haben?)

Die Person spürt subjektiv von innen heraus, wann ihr hedonistisches Potential ausgereizt und gesättigt, ihre Erregung nicht weiter mehr steigerbar ist. Das Subjekt befindet sich jetzt im Zustand höchstmöglicher Glut – einer hedonistischen Trunkenheit, eines veritablen Sinnes- und Sexualrausches, der nur durch die ultimative Verzückung selbst noch übertroffen wird. Durch die erotischen Szenen Agostino Carraccis, die er mit den Idolen seiner Sehnsucht verknüpft, gerät er auf eine Seinsebene, wo – wie es bei einem modernen Schriftsteller heißt – „nichts gilt außer dem Lustgebräu, das in seinem Körper gärt. Was als genussreiche Dehnung seiner innersten Wurzeln begonnen hat, wird zum glühenden Prickeln, dann zu jenem Zustand absoluter Sicherheit, Zuversicht, Zuverlässigkeit, der nirgends sonst im bewussten Leben zu finden ist.

Da nun, „da die tiefe, heiße Süße gesichert und auf gutem Wege zur äußersten Verzückung ist, weiß er, dass er sich zurückhalten darf, um die Glut zu verlängern“; so laviert er eine Weile am Rande des Wollustabgrunds (dies Ausbalancieren eines physiologischen Gleichgewichts, das sich mit gewissen Kunsttechniken vergleichen lässt), und kommt dann mit der Macht – Zitat! – „der längsten Ekstase, die Mensch oder Monstrum je erfahren hat“ … Danach ist er wie entleert, fühlt sich gesättigt und keines akuten Verlangens mehr fähig.

So war es bei den zahllosen Frauen und Mädchen, da er die Frustration seiner hoffnungslosen oder enttäuschten Liebe und seines sexuellen Elends in den Ekstasen seiner einsamen Phantasie abreagierte! Denn, so Choderlos de Laclos in ,Gefährliche Liebschaften': „Etwas wissen Sie nicht, nämlich dass die Einsamkeit die Glut der Begierde ins Ungeheure schürt.“ Und gleichermaßen ,ungeheuer' wie die angestaute Glut der Begierde ist dann auch deren ipsistisches Genüge. Erreichbar ist dieser Zustand höchster Glut stets aber nur durch die Aufeinanderhäufung und Akkumulation der diversesten erotischen Motive, und nur nach bis zur Sättigung gehender Selbststimulation. Auslöser der Lust sind die erregenden Bilder, die durch das visuelle System, zusammen mit der Phantasie, sein libidinöses System infiltrieren … –

Etwas anderes ist es, wenn er sich allein an der Vorstellung einer bestimmten Frau oder ganz bestimmten Szene befriedigt. Da ist er manchmal so erfüllt und durchtränkt von Geilheit, dass es gleichsam spontan von innen heraus aus ihm hervorquillt und er der spekulativen Phantasie erst gar nicht mehr bedarf. Da gerät er allein von sich aus und spontan in einen solchen Zustand der Erregung, dass keinerlei äußerliche Stimulation mehr notwendig ist. Es ist dann, als steige die Geilheit spontan, wie das brodelnde Magma im Schoß der Erde, aus tiefsten Tiefen in ihm hoch, dränge schiebend an die Oberfläche und durchbreche, forciert durch eine letzte Friktion, im Orgasmus die Kruste wie ein vulkanisch explosiver Ausbruch. Seine Verzückung ist dann womöglich noch intensiver, als wenn er die reizendsten Motive erotischer Kunst in sich schlänge.

Er erklärt es sich dadurch, dass jene fremderzeugten Bilder eben nicht durch diese bestimmte Frau und seine akute Sehnsucht nach ihr – ein idiosynkratisches Bedürfnis seiner Seele – eingeflößt sind. Sie stammen nicht authentisch von innen, aus den innersten Behausungen seines Blutes, sondern sind heterogen von außen her zugeführt und ihm gleichsam bloß äußerlich aufgedrängt, angeklebt, anetikettiert. Es fehlt der tiefinnere biografische Bezug. Er hat ja keine echte menschliche Erfahrung mit den Modellen der artistischen Sujets, mithin auch keine unmittelbar vitale Sehnsucht nach ihnen, und daher auch nicht das entsprechende sexuelle Genüge im illusorischen Besitz. Stattdessen dient die Quantität der Revue passierenden Objekte immer nur als Surrogat für die Qualität der spezifischen Lust, und das ist immer nur eine uneigentliche, künstliche, epigonale – eine Talmilust.

Je länger er aber in den erotischen Motiven Carraccis schwelgt, desto stärker die Glut. Dann ist es, als wäre er bis unter die Schädeldecke erfüllt von süßer rauschafter Empfindung – ja, als bestünde er überhaupt nur noch aus Lust –, und je erfüllter er von Sexdrogen ist, desto stärker ist die akkumulierte finale Entladung. Auch hier scheint's gibt es, wie beim Alkoholgenuss, einen Zustand der Trunkenheit – einen wahren Sexualrausch; und je stärker der Rausch, desto stärker seine orgasmische Kulmination.

Bei einem gewohnheitsmäßigen Trinker geht der Alkohol durchs Blut ins Gehirn und erzeugt die neurochemische Euphorie. Beim Sexualrausch dagegen bedarf es keiner solchen äußeren Zufuhr; hier entsteht der Rausch von innen heraus direkt durch die Produktion endogener gehirnlicher Drogen. Dazu braucht es neben der aktiven Stimulation der Genitalien nur der erotischen Phantasie.

Das würde zugleich erklären, warum der normale Geschlechtsverkehr niemals zu einem Rausch und ekstatischer Klimax ähnlicher Façon führt: weil da die erotische Phantasie durch den grob körperlichen Kontakt überlagert und gleichsam verfremdet wird und erst gar nicht in dem Maß zur Wirkung und zu dem Sinnesrausch kommt.

Das ist irgendwie aber auch wieder fatal – denkt er –, wenn die höchste Sexuallust im sexuellen Rauschzustand liegt, der sexuelle Rauschzustand sich aber nur der Wirkung der Phantasie verdankt – und es demzufolge beim normalen Sex zur höchsten Lust erst gar nicht kommt! Denn das bedeutet ja, dass die höchste sexuelle Ekstase überhaupt nur durch die Phantasie der Person – und damit ausschließlich in der Selbstbefriedigung zustande kommen kann!

Wie aber wäre es, wenn er in solch einem ekstatischen Zustand, da er sein Blut auf äußerste Weise aufgewühlt hat – und ,die tiefe, heiße Süße gesichert und auf gutem Wege zur äußersten Verzückung' ist –, – wenn er gerade in diesem Augenblick sich mit einer käuflichen Liebesdienerin, sprich: einer Prostituierten, paarte?

Würde seine phantasieerzeugte Erregung sich an ihren realen Leib koppeln, organisch damit verknüpfen, fortsetzen, steigern, zur Kulmination treiben lassen?

Wäre die phantasiegenerierte Erregung in ihrem Fleisch kontinuierlich beizubehalten, oder würde sie unausweichlicher Weise abflauen müssen?

Sind Körper und Geist beim Sex jemals auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, oder bleiben sie stets und unwiderruflich zwei so abgründig getrennte Bereiche und heterogene Sphären, gleichwie man aus dampfender Sauna unter die kalte Dusche kommt?

Die Dame müsste ihn aber persönlich zu Hause aufsuchen, da er sich besuchsweise bei ihr ja gar nicht erst in den besagten Zustand der Erregung bringen könnte, und bevor er durch den Verkehr der Stadt zu ihr gelangt, seine Erregung längst wieder abgeflaut, ermattet, verdunstet und dahin wäre.

Er bräuchte bloß eines der so genannten Callgirls oder Hostessen, deren Adressen in Studentenkreisen kursieren, zu einer bestimmten Zeit – und zwar genau auf die Minute – zu sich nach Hause bestellen, sich punktgenau auf ihre Ankunft einstellen, und, so präpariert, sie gleich bei der Ankunft besteigen. Die Dame muss sehr pünktlich sein, damit er nicht den zielgenauen Zeitpunkt verpasst.

Gesagt, getan. De facto macht er das kritische Experiment.

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