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  • freudholdriesenhar

Hält der Koitus, was die Onanie verspricht?

Blog 83


Das heimliche Bewusstsein, dass die Frauen beim Koitus nicht auf ihre Kosten kommen, ist wohl die Erklärung für den peinlichen Usus, dass Männer der Frau gern was dafür schenken – sich gleichsam dafür revanchieren und sie dafür entlohnen –, dass sie die Beine breit gemacht hat.

Das geht bis in die neueste Zeit so: „Die Schenkel der Frau“, schreibt drastisch die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in ihrem Roman ,Lust' 1989, „sollen nur für ihn, den Direktor, den schrecklichen Passanten, zubereitet werden, herausgebacken im siedenden Öl seiner Gier, und so wird er auch für sie geschäftig bleiben, sich zuckend an ihrer Rampe entladen lassen und ihr dafür eine milde Brosche oder ein stählernes Armband mitbringen.“

Eine milde Brosche oder ein stählernes Armband: Die Frau muss für die Stellvertreterlust des Mannes, oder den Mangel an ihrer eigenen, partout entschädigt werden. Hätte sie dabei nämlich die gleiche Wollust wie er selber, bräuchte er ihr ja nicht außerdem auch noch etwas zu schenken. Man würde sie für ihr Vergnügen ja nicht auch noch belohnen wollen!

Apropos Gunst und Dienstleistung – ließe sich hinterhältig einwenden –, – tut die Frau dem Mann, indem sie sich ihm offeriert und hingibt, denn überhaupt einen Gefallen?

Die Frage mutet seltsam an, doch können wir uns leicht erklären und verständlich machen, – kann die Frau, die beim vaginalen Koitus nicht zum Orgasmus kommt, ihr sexuelles Genüge doch nur in der klitoridalen Selbstbefriedigung erfahren, soviel scheint bewiesen! Wie nun aber, wenn das bei den Männern – Wiglafs „Uff, es war das Geheimnis nicht wert!“ – nicht recht viel anders wäre: wenn der schale Rausch in ihrem Schoß um Längen hinter demjenigen zurückbliebe, den er sich in seiner einsam dunkel-süßen Onanie (Benn) selber zu verschaffen vermag? Muss er dann, wenn er's stattdessen mit ihr treibt, nicht unterm gewohnten hedonistischen Standard seiner Befriedigung bleiben?

Was also nun, wenn eine Frau intelligent und einfühlsam genug ist, den naheliegenden Schluss von sich auf andere zu ziehen – und das Gleiche oder Vergleichbares auch beim männlichen Partner mutzumaßen?

Warum sollten die Geschlechter sich in diesem Punkt so radikal voneinander unterscheiden? Zwar kommt der Mann beim Koitus meistens zum Orgasmus, zugegeben, – aber was besagt das schon? Orgasmus ist nicht gleich Orgasmus. Anders gesagt, wenn Madame wirklich nur in der Selbstbefriedigung ihr volles sexuelles Genüge findet, dann ist das möglicherweise ja auch bei Monsieur der Fall – und sein Genüge in der Onanie womöglich erfüllender und intensiver als der in ihrem Schoß: „Auch was sich noch der Frau gewährt, / Ist dunkle süße Onanie“, heißt es im Gedicht ,Synthese' des notorischen Selbsterregers Gottfried Benn.

Und sagt nicht das bekannte Lästermaul Karl Kraus, der Koitus halte nicht, was die Onanie verspricht?

Steht nicht in des Nobelpreisträgers Samuel Beckett Roman ,Molloy' die schnoddrige Moral: „Nun also. Zwischen Daumen und Zeigefinger ist man sowieso besser dran“? Nämlich, was die erfüllende Befriedigung sexuellen Verlangens betrifft, besser dran, als eine Frau zu besteigen?

Die Logik scheint, sobald die Frau einmal von sich persönlich ausgeht, ganz unwidersprechlich: Wenn sie selber beim Koitus ungleich weniger Lust – wenn überhaupt irgendeine – empfindet, als wenn sie sich klitoral selbst befriedigt, – könnte das dann beim Mann am Ende des Tages, und ungeachtet ihrer ersatzweisen Dienste, nicht geradeso der phallische Fall sein?

Ist es dann aber nicht so, dass sie dem Mann, dem sie sich hingibt, eher einen zweifelhaften, einen Bärendienst erweist: Sie schmälert seine Lust ja mehr, als dass sie ihm eine gleichwertig äquivalente, geschweige denn eine größere, verschaffte!?

(Den meisten Frauen dürfte die Überlegung noch gar nicht gekommen sein. Die meisten Frauen gingen seit je wohl treugläubig und naiv davon aus, das Vergnügen in ihrem Schoß müsse grundsätzlich immer und überall größer sein als das, welches der Lover sich bloß im Gedanken daran selber verschafft. Das allerdings dürfte sich spätestens seit der Liebe in den Zeiten des Internets geändert, und zwar umgekehrt haben, wo der Onlinesex auf und vor dem Bildschirm zu offenbar größeren hedonistischen Ekstasen führt, als beim realen zwischengeschlechtlichen Sex überhaupt zu erwarten und möglich sind.)

Das Problem hat der Mann mit einer intelligenten und ehrlichen Frau, die gescheit genug ist, den Sachverhalt zu durchschauen, – und ehrlich und mutig genug, es sich und andern auch einzugestehen. Um rechter Wissenschaftler und Philosoph zu sein, schreibt Lamettrie, genügt es nicht, die Natur zu erforschen und die Wahrheit zu finden. Man muss auch den Mut haben, die Wahrheit auszusprechen, und zwar für die kleine Zahl derer, die denken wollen und können. Den anderen, die willfährige Sklaven von Vorurteilen sind, ist es indes so unmöglich, zur Wahrheit zu gelangen, wie es Fröschen unmöglich ist, zu fliegen!

Wie wird eine Frau, die einmal auf den Trichter kam, sich sexuell dann verhalten? Die Antwort liegt in der Konsequenz ihres Charakters: Sie wird sich dem Mann kaum mehr von sich aus anbieten! Sie wird es im Wesentlichen ihm überlassen und warten, ob und wann ihm ,die Natur kömmt' und es ihn von sich aus nach ihr verlangt.

Sogar dann noch wird sie ihn mit gemischten Gefühlen empfangen: weiß sie doch, dass sie ihm, als unvollkommenes Surrogat seiner Selbstbefriedigung, nur einen Bärendienst erweist. Die Frau mag durch solcherart Vorbehalt und Reserve nachgerade gefühlskalt bis frigide erscheinen – und ist doch nur rational und ehrlich!

Allenfalls wird eine Frau, um nicht allzu rational und ehrlich zu sein und dadurch ihre Ehe aufs Spiel zu setzen, ab und an doch auch einmal selber so tun, als legte sie Wert auf seinen Beischlaf. „Das weiß ja jeder: Wenn es im Bett nicht mehr läuft, ist es nur eine Frage der Zeit, bis alles den Bach runtergeht.“ Sie wird dann allemal, wofür die intelligente und aufrichtige Elizabeth Kiehl in ,Schoßgebete' plädiert, versuchen, ihrer beider jeweiligen Selbstbefriedigung so nahe wie möglich zu kommen.

Warum bestehst du – wird sie sich denken – eigentlich immer so eigensinnig darauf, in meinem Schoß abzudrücken? Bist du nicht eingestandenermaßen zwischen Daumen und Zeigefinger eh besser dran?

Tust du dabei nicht so wenig wie mir auch dir selbst einen Gefallen?

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