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Gibt es echte Frigidität?

Blog 86


Wie umgekehrt verhält es sich mit der angeblichen ,Geschlechtskälte' oder ,Frigidität' der Frau – des Sinnes, dass sie keinen Wert darauf legt, mit ihrem Mann zu schlafen? Beziehungsweise keinen Bock auf Sex mit Männern oder Frauen überhaupt hat?

Weiß sie aber aus ernüchternder Erfahrung, dass der Mann sich auf den vaginalen Koitus versteift, wobei sie grundsätzlich nicht zum Orgasmus kommt, – aus welchem Grund sollte sie dann eigentlich, um ihres Sexualgenusses willen, scharf auf den Geschlechtsverkehr mit ihm sein? Schon das junge Mädchen, das sich klitoridal befriedigt, weil sie vaginal nicht orgasmiert, wird intuitiv auf den Trichter kommen und sich sagen, dass sie vom Koitus mit einem Mann bezüglich sexueller Befriedigung nichts zu erwarten hat.

Und selbst wenn sie sich vorstellt, dass er sie dabei klitoridal stimuliert, ist sie sich doch dessen bewusst, dass sie dazu den Mann eigentlich gar nicht braucht. So gesehen sind die Frauen im Hinblick auf den potentiellen intersexuellen Geschlechtsverkehr schon von Natur aus ,frigide' – und ist von Hause aus auch gar nichts anderes zu erwarten. Eine Klimax optimaler Intensität finden sie in der klitoridalen Selbstbefriedigung; und so ergibt sich das scheinbare Paradox, dass eine Frau eine leidenschaftliche Onanistin – und dabei doch ,frigide' sein kann! Die Sache ist relativ.

Ein beliebter Machospruch über eine unzufriedene, unausgeglichene und zickige Frau ist ,Die müsste mal richtig durchgezogen', will sagen, nach allen Regeln der Kunst gevögelt werden – wie wenn die sexuelle Befriedigung ein Allheilmittel auch für alle seelischen Probleme wäre. Der Spruch erinnert an den elektromechanischen Vibrator als Behandlungsmethode gegen die weibliche Hysterie – in der Vorstellung des 19. und anfangs 20. Jahrhunderts eine Erkrankung, die vermeintlich von der Gebärmutter ausgeht. Wie dem auch sei, ist der Spruch allein schon deshalb verfehlt, weil die Frau vaginal gar nicht befriedigt wird – und dadurch also auch von nichts kuriert werden kann. Und auch wenn er zur klitoridalen Stimulation verwendet wird, kann sie das eigenhändig besser.

Die behandelten Frauen leiden vermutlich gar nicht an sexueller Befriedigung – diese verschaffen sie sich selbst besser als jeder andere –, sondern einfach an ihrer Einsamkeit, seit je der Krebsschaden des Individuums. Davon aber können sie, wenn irgend, überhaupt nur durch liebende Zuwendung geheilt werden.

In anderen Worten, es scheint, dass die weibliche ,Nymphomanie' – laut Wiki „die Bezeichnung für gesteigertes Verlangen von Frauen nach Geschlechtsverkehr, in der Regel jedoch nur, wenn der Wunsch nach Sexualität mit Promiskuität, also häufigem Partnerwechsel einhergeht“ – weniger ein Bedürfnis nach koitalem Verkehr ist, als vielmehr bloß nach dem – aber klitoridalen – Orgasmus. Die ,Nymphomanie' wäre demnach eher eine Klitoromanie oder Metromanie im Sinn klitoridaler Onanie. Wieder mit der Orangenprinzessin Candida als exemplarischem Beispiel: „Ich reibe meine Schenkel aneinander, presse sie fest zusammen und zwinge meine Lust heraus“; von phallischer Penetration oder dem Verlangen danach ist nirgends die Rede.

Wird die weibliche Sexualsucht primär an der Klitoris ausgelebt, dann ist die ,Nymphomanie' im Sinn koitaler Mannstollheit nicht mehr als ein vulgärer Mythos, und ein für das männliche Selbstbewusstsein nur scheinbar schmeichelhafter. Dennoch sehen wir allfällig Frauen – wie Candida –, die den Männern nachsteigen und willig die Beine breit machen, als wären sie scharf darauf, vaginal bedient zu werden – auch wenn sie danach noch klitoridal nachlegen müssen. Wie erklärt sich das?

Die Vermutung liegt nahe, dass es nicht eigentlich ein sexuelles weibliches Verlangen ist, als vielmehr eine allgemeinere Psychose, die dadurch kompensiert werden soll. In der Psychiatrie, so wieder Wiki, gilt ein übermäßig gesteigerter Geschlechtstrieb als Symptom oder, entsprechend der Bewertung im ICD (der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, dem wichtigsten weltweiten Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen) und dem DSM-IV (dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, dem diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen), als „Indikator für die Diagnose verschiedener Persönlichkeitsstörungen. Das ,Krankheitsbild Nymphomanie' ist inzwischen aus dem DSM-IV entfernt, im ICD-10 ist es hingegen aufgeführt.“

Vermutlich ist es einfach, wie in Konchalevskys Film ,Maria's Lovers' bei Maria Bibic – Nastassja Kinski –, ein unerfüllt bleibender jungfräulicher Kinderwunsch, der die Frauen frustriert ausrasten lässt. Oder es ist ihre Einsamkeit und soziale Isolation sowie das Bedürfnis nach Liebe, warum sie nach einem Mann als Lebenspartner verlangen. Den koitalen Sex nehmen sie dann in Kauf. Wieder mit Simone: „Seit den primitiven Zivilisationen bis auf unsere Tage hat man es immer so verstanden, dass das Bett für die Frau ein ,Dienst' ist, für den sich der Mann durch Geschenke und durch die Sicherung ihres Unterhalts revanchiert.“

Schließlich und endlich, könnte es nicht sein, dass die jungfräulichen Frauen derselben Illusion aufsitzen wie die nicht nur viktorianischen jungen Männer, die allesamt überhitzt in die Ehe gehen: dass der Koitus hält, was die – klitoridale – Onanie verspricht?

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