top of page
Suche
  • freudholdriesenhar

Dient alle Sexuallust primär der Autoerotik der Geschlechter?

Blog 102


Sind aber beide Geschlechter jedes für sich im Sinne von Simone de Beauvoirs Verständnis „erotisch autonom“, so sind wir wieder bei der landläufig oftmals zu hörenden Ansicht: Männer und Frauen ,passen nicht zusammen'; der Koitus ist und bleibt allemal eine einseitige Dienstleistung, welche die liebende Frau dem sexhungrigen Mann erweist.

„Die Frau ist der Ozean, der Mann die Sahara“, lesen wir in Joan Sales' ,Flüchtiger Glanz'. „Diese beiden verfeindeten Unermesslichkeiten, Wasser und Durst, liegen nebeneinander, ohne sich je zu vermischen. Würden sie sich vermengen, entstünde daraus der großartigste aller Kontinente; aber es ist unmöglich.“

Besonders interessant wird es erfahrungsgemäß dann, wenn immer die Damen unter sich sporadisch vom Sex mit ihren Männern aus dem Nähkästchen plaudern. Wann immer man sie dabei belauscht, geht es eigentlich nie darum, ob es auch ihnen dann gefällt und Spaß macht, ob auch sie Lust dabei empfinden und sexuell befriedigt werden. Stattdessen geht es immer nur darum, wie oft der oder jener es in der Woche braucht, wie er sich dabei anstellt und inwieweit er ihr auf die Nerven geht. Hört es sich nicht regelrecht so an, als sei es ihrerseits nur eine Art Gefälligkeit oder Dienstleistung, die sie ihrem Gespons erweist, von dem Madame selber aber gar nichts profitiert?

Was sollte sie aber auch davon haben, wenn der Mann sich auf den Vaginalverkehr beschränkt und – es keinen vaginalen Orgasmus gibt? Und selbst wenn der Mann oral und manuell auch ihre Klitoris mit stimuliert – was sollte sie sonderlich davon profitieren, wenn sie sich auch das selber viel besser macht?

So läuft es auch hier wieder darauf hinaus, dass die Organe der Lust nicht vorrangig der gegenseitigen Befriedigung der Geschlechter, sondern zuerst und vor allem der Selbstbefriedigung eines jenen einzelnen für sich zu dienen scheinen.

Von ihrem eigentlichen Sexualgenuss dagegen reden die Frauen fast nie. Was Wunder auch, wenn dieser ausschließlich in der klitoridalen Masturbation im stillen Kämmerchen unter völligem Ausschluss aller Männlichkeit stattfindet? „Ich habe schon davon gesprochen“, so Simone de Beauvoir, „dass es nicht genau feststeht, ob die vaginale Lust überhaupt je zu einem ausgesprochenen Orgasmus führt. Die Frau spricht sich über diesen Punkt selten aus, und selbst wenn sie genau sein will, bleibt sie außerordentlich vage.“

Über ihre vaginale Lust spricht sie sich so gut wie nie aus; über ihre klitoridale Masturbation aber, wo sie alles andere als vage sein könnte, geradeso wenig. (Das ändert sich im Grunde erst seit der Zeit des Internet- und Onlinesex: De facto flimmert da eine Myriade hitzig klitoridal masturbierender Frauen über den Bildschirm, darunter auch solche, die ihre Onanie nicht nur virtuos praktizieren, sondern sie zugleich sogar in extenso erläutern. Am Ende scheint es da im Grunde keinen Unterschied zur phallischen Onanie des Mannes zu geben!)

Und seltsam, ist diese ursprünglich ipsistische Lebenslust irgendwie doch unauflöslich auch wieder an den Geschlechtsakt und seine Vorstellung gekoppelt! Und zwar insofern, als der Person auch beim einsamen Selbstgenuss in der Regel doch das Bild eines Vertreters des anderen Geschlechts vorschwebt: dem Manne das ,Weib', dem Weib der ,Mann'! Selbst wenn die Frau sich ausschließlich an ihrer Klitoris, mit der der Mann koital nicht in befriedigende Berührung kommt, bis zum Orgasmus fingert, – stellt sie sich in Gedanken dabei doch die fleischliche Vereinigung mit ihm vor. Und der Mann ja sowieso.

Nichtsdestoweniger ist der Umstand, dass die Sinneslust bei ihm am Penis, bei ihr an der Klit zumindest im ,Kopfkino' – angeborener oder erlernter Weise – mit dem koitalen Fortpflanzungsakt assoziiert wird, womöglich nur eine akzidentielle Erscheinung, bei der auf evolutionärem Weg einfach zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen wurden: die Quelle individueller Geschlechtslust dient namentlich auch der Fortpflanzung und Erhaltung der Art.

Zwar hätte, den Fall einmal angenommen, die Lustempfindung der Frau evolutionär immer auch, unter Hintanstellung der Klit, direkt in die Vagina hinein platziert werden können, – doch würde die Frau, im Unterschied zum Penis beim Mann, ihre Befriedigung dann nicht mehr so bequem von außen her bewirken; – und so scheint die Tatsache, dass dies evolutionär nicht geschah, wieder ein Hinweis darauf, dass diese Lustorgane ursprünglich zu primär eigenpersönlichen, fortpflanzungsunabhängigen Zwecken individueller Selbstbefriedigung entstanden.

Ein eher ketzerischer Gedanke wäre, dass die libidinöse Lustempfindung der Frau – namentlich jene 8000 von Richard K. Winkelmann konstatierten Nerven und Sinneszellen des Kitzlers und seiner Glans – eben gerade deshalb nicht in die Vagina selbst hineinverlegt wurden, damit die Frau ihr Maximum an Lust eben nicht beim Koitus empfinde – was sie, da sie erst dann so recht den ,Mann' in sich spüren würde, im Lauf der Evolutionsgeschichte eventuell zur Vielmännerei hätte verleiten können: Empfände sie ihre Lust vorwiegend bei der koitalen Reibung durch das männliche Glied, könnte sie leichter zu unkontrolliertem Geschlechtsverkehr verführt werden und dadurch ihrer Rolle als Gattin und Mutter nicht mehr mit dem nötigen Pflichtbewusstsein nachkommen!

(Wie aber hätte diese präventive Vorsichtsmaßnahme durch die Evolution, die ja immer über die Wirkung der Selektion funktioniert, getroffen werden können? Selektionistisch gesehen doch offenbar nur so, dass seit den letzten siebzig Jahrmillionen alle diejenigen weiblichen Organismen, die ihre hauptsächliche Lust aus dem Geschlechtsverkehr zogen, sich im Kampf ums Dasein auf lange Sicht nicht bewährten und deshalb selektiv ausgemerzt wurden. Oder aber auch so, dass diejenigen urzeitlichen weiblichen Wesen, die auf diese Art zu oft ,fremdgingen', durch die archaisch vorgehenden Männer – im Rahmen der sogenannten sexuellen Selektion – eliminiert wurden, bis nur mehr diejenigen weiblichen Varianten mit der lustbetonten Klit übrig blieben. Das eine klingt aber so unwahrscheinlich wie das andere, so dass wir uns auf solche abenteuerlichen Spekulationen nicht einlassen können. So muss die Klärung des Sachverhalts letzten Endes der Evolutionswissenschaft selbst überlassen bleiben!)

Schließlich und endlich besteht die ursprüngliche Ursache – causa materialis – der libidinösen Lust ja nicht eigentlich in der Reizung der äußeren Fortpflanzungsorgane Penis und Kitzler. Die sexuelle Lust entsteht letztendlich im Gehirn in Gestalt eines elektrochemisch geladenen Feldes – das Feld, in dem die Sexuallust besteht! – mitsamt der orgasmischen Freisetzung von Sexualhormonen und körpereigenen Endorphinen aus spezifischen Vesikeln und Drüsen. So dient die taktile Inanspruchnahme von Penis und Klit überhaupt nur dazu, das neuronale zerebrale Feld der Lust selbst zu generieren, und der Sex und seine Kumulation – in Gestalt der orgasmischen Entladung des hormonell gesättigten Feldes! – ist im Grunde ein gehirnlicher und damit implizit auch mentaler Vorgang, weshalb er ohne die Mitwirkung des subjektiven Geistes kaum befriedigend stattfinden kann: Die sexuelle Phantasie dient, auch bei der körperlichen Aktion und ,blöden Leiberquälerei' (Heine) stets als Richtlinie und Guideline für die physischen Organe. The genius and the mortal instruments are then in council – wie in Shakespeares Julius Caesar.

Besteht aber die Lust in Art und Umfang des elektrophysiologischen neuronalen Feldes, dann besteht die optimale Lust darin, dieses Feld zu optimaler Expansion, hormoneller Sättigung, elektrischer Spannung und Entladung zu bringen. Das aber geht optimal nur unter Mithilfe und Miteinbeziehung des Geistes – in Gestalt der sexuellen Phantasie – selbst!

Nun hat zu dieser Tätigkeit des Geistes offenbar aber nur das subjektive Ich selbst einen direkten authentischen Zugang – weshalb auch nur das Subjekt selber spüren und wissen kann, wie und welche körperlichen Betätigungen es vornehmen muss, damit der Gehirnprozess der Lust optimiert wird. Authentisch geschieht dies bei der Frau wieder nur an der Klit, beim Mann am Penis. So beruht auch dies im Grunde auf Selbststimulation, und die geschlechtliche Begegnung beider erscheint wieder nur als epigonale Spielart davon. Einmal mehr also hätte die evolutionäre Natur die Lust primär zur Selbstbefriedigung bestimmt.

Die Onanie wäre die natürlichste Betätigung der Sexualität, der Geschlechtsakt nur eine beiläufige Variation davon.

Warum ist Onanie dennoch verpönt?

Offenbar wird sie als eine uneigentliche Anwendung des Sexus empfunden. Das wirft natürlich die Frage auf, was als eigentliche Anwendung des Sexus gilt? Als eigentliche Anwendung von Sex gilt offenbar, mit einem anders- oder gleichgeschlechtlichen Partner zu kopulieren – sei's um der Zeugung eines gemeinsamen Kindes, sei's eines gegenseitigen Erlebnisses von Lust willen. Onanie dagegen ist sex for one, einsame Lust nur für einen, also eine uneigentliche Anwendung von Sex.

Nun vertauscht unsere Perspektive aber gerade die Prioritäten: Die eigentliche Anwendung des Sexus ist gar nicht die Kopulation mit einem Partner, sondern – die sexuelle Selbstbefriedigung als individuelle Erfahrung von Lust im ipsistischen Selbstgenuss. Die gelegentliche Kopulation mit einem Partner – sei's um eines gemeinsamen Kindes, sei's einer wechselseitigen Erfahrung von Lust willen – ist eher eine nachrangige Anwendung von Sex. Ist das aber realiter so, und von der Natur so etabliert, wieso sollte die Onanie dann noch verpönt sein?

1 Ansicht0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Bemerkung des Bloggers in eigener Sache

Blog 142 Der Blog ,Sex, Wahrheit, Internet – Blog zum Onlinesex' ist teils ein thematisch konzentrierter Auszug aus meiner – wesentlich fiktiven – ennealogischen Heinrich-Heine-Biografie auf Kindle. D

Gibt es einen Fundamentalismus des Geschlechtslebens?

Blog 141 Eben dieser Wahrheit stellt sich ungeschönt und ohne ein Blatt vor dem Mund Charlotte Roche, wenn sie ihre Protagonistin Elizabeth – „einzig beim Sex könne sie loslassen“ – die Libido, gerade

Ein fundamentalistischer Roman des 21. Jahrhunderts?

Blog 140 Steinfelds Kritik ist aber ziemlich anfechtbar. Er übergeht oder übersieht, ,Schoßgebete' ist ein typischer Roman der Liebe in den Zeiten des Internets, des Pornozeitalters und des Onlinesex,

Comments

Rated 0 out of 5 stars.
No ratings yet

Add a rating
bottom of page