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  • freudholdriesenhar

Der Koitus als schlechtes Surrogat für die Selbstbefriedigung?

Blog 134


Ist die ursprüngliche Form der Lust die der Autoerotik, der – wertfrei so gesehene – Narzissmus, wo jeder sich am besten selbst befriedigt, – wieso dann sollten die Partner überhaupt noch sexuell miteinander verkehren?

Das ist das Problem, das Charlotte Roche in ihrem Roman ,Schoßgebete' aufwirft.

So spricht alles dafür, dass die menschliche Sexuallust erst vor dem Bildschirm des Internetsex – und damit parallel gehender Selbstbefriedigung – zu ihrer eigentlichen Natur fand, und wie dadurch die ,sexuellen Revolutionen' an ihr definitives, unüberschreitbares Ende gelangten. Wie damit die menschliche Sexualität, die die längste Zeit ihrer Geschichte an der ungenügenden Verwirklichung ihres latenten Potenzials litt (– I can't get no satisfaction! war das universelle Schibboleth einer ganzen Generation vor der generation porn!), zur schrankenlosen Selbstbefriedigung beim Onlinesex befreit wurde. Wie damit für alle Männer, die bereits Erfahrungen mit dem ,Weibe' hatten, sich erwies, dass der sex for one im Internet ungleich befriedigender ist als der beim realen zwischengeschlechtlichen Verkehr; – wie aber auch diejenigen, die die Erfahrung mit dem ,Weibe' noch nicht haben, von den entfesselten Möglichkeiten der autoerotischen Lust so besessen sind, dass sie sie mit der zwischengeschlechtlichen Lust erst gar nicht mehr zu übertreffen hoffen können. Wie sie sich daher ganz auf die Masturbation beim Onlinesex beschränken; wie verbreitet diese Tendenz unter der heutigen Jugend ist; und wie das nachgerade das letzte Kapitel der ,sexuellen Revolutionen' zu sein scheint!

Wir bemerkten ebenso aber auch, dass das nicht das letzte Wort zum Sexus in der Welt sein kann, da mit den entfesselten Möglichkeiten der einsam narzisstischen Lust zugleich wieder ein neues Problem entsteht: Wie die virtuelle digital desire überhaupt noch mit der Lust am realen ,Weib' zu versöhnen und in Konkordanz zu bringen ist?

Schließlich kann und darf, wenn der Homo sapiens nicht aussterben soll, der Sex sich fortan ja nicht nur auf den autoerotischen beschränken!

In anderen Worten: Wie ist die orgiastische Lust am digitalen Sex mit der Lust an der Liebe der Geschlechter in Einklang zu bringen? Wie der Onlinesex mit dem zwischenmenschlichen zu versöhnen? Das ist das Problem, dem die Autorin von Schoßgebete sich stellt – und das mit einer so unerschrockenen Radikalität und Ehrlichkeit, wie ich es von keinem anderen Autor her kenne!

„Der Roman“, resümiert Wiki, „beginnt in der Gegenwart mit der detaillierten Beschreibung einer Sexszene zwischen der Erzählerin Elizabeth Kiehl und ihrem Ehemann Georg. Sie arbeitet als Fotografin, er als Galerist. Beide haben sich im beruflichen Kontext während ihrer Schwangerschaft und der seiner Lebensgefährtin kennengelernt. Nach der Geburt der Kinder trennten sich die Paare aus verschiedenen Gründen, und Elizabeth heiratete Georg. Elizabeth hatte acht Jahre zuvor ihre drei Brüder bei einem Autounfall verloren, als diese zu Elizabeths Hochzeit unterwegs waren. Wegen des Unfalls wurde die Hochzeit abgesagt; Elizabeth ist seitdem traumatisiert und wird psychotherapeutisch behandelt …

Während der im Roman beschriebenen drei Tage erzählt Elizabeth von den Besuchen bei der Therapeutin, ihrem Verhältnis zu Tochter, Vater und Mutter sowie von anderen Ereignissen aus ihrem Leben. Sie beschreibt sich als kontrolliert, ständig auf der Lauer liegend und auf das Schlimmste gefasst. Einzig beim Sex könne sie loslassen. Ihr großes Ziel sei, mit ihrem Ehemann zusammenzubleiben und ihrer Tochter eine bessere Mutter zu sein, als ihre Mutter es für sie war.“

Und zur Rezeption des Romans: „Die ,Frankfurter Allgemeine Zeitung' stellt den ,manischen Charakter' der Protagonistin Elizabeth Kiehl fest, die sich ,gedanklich selbst zerfleischt […] um die beste Ehefrau, die beste Mutter und die beste Patientin für ihre Therapeutin zu sein […] und ein Leben ohne Entspannung [führt]', da Kiehl genau wie Roche die ,untröstliche Wahrheit der Autorin' verarbeiten muss, dass ihre Geschwister bei einem Unfall gestorben sind: ,das wahre Ereignis verleiht dem Roman eine Dringlichkeit und eine Wucht, denen man sich nicht entziehen kann'. Der Roman wurde als ,komplexer, reifer und anspruchsvoller als der Erstling ,Feuchtgebiete' positiv bewertet.

Auch Der Spiegel stellt starke Parallelen zwischen Kiehl und Roche fest (,offensiv deckungsgleich mit sich selbst'), äußert sich aber kritischer: Es sei der ,plumpe Selbsttherapierungsversuch der Autorin', der Narzissmus vorgeworfen wird: Dies sei ärgerlich, weil die Protagonistin Elizabeth trotz ,allen abseitigen Sexualpraktiken' als universale Figur funktioniere, ,als blitzgescheite Hasardeurin, die sich durch unterschiedlichste Ideologien, Lebensentwürfe und Selbstprüfungen schlägt' und wie viele Frauen Mitte 30 zwischen Geist und Trieb wählen müsse. Das Magazin lobt die ,große Leistung von Roche, dass sie auf solche Fragen erst gar nicht Antworten zu geben versucht.'

Die Süddeutsche Zeitung kritisierte, dass der Roman ,an der konsequenten Verwirrung der Verhältnisse zwischen Autorin und Erzählerin' leide und ,von der Lüge der rettenden Sexualität' lebe. Roche wird dabei vorgeworfen, ,das Unvermögen, sich sprachlich angemessen auszudrücken […], zu einem Mittel der literarischen Selbstinszenierung' auszunutzen, und das Buch als ,unerheblich, trivial, ja verlogen' verrissen.

Bei den Leserkritiken war eine starke Polarisierung festzustellen; oft wurde die beste oder die schlechteste Bewertung abgegeben.

Schoßgebete konnte sich sofort auf Position 1 der Bestsellerlisten platzieren; die Startauflage (eine halbe Million Exemplare) war innerhalb einiger Tage ausverkauft.“

Der Roman leide an der konsequenten Verwirrung der Verhältnisse zwischen Autorin und Erzählerin? Er lebe von der Lüge der rettenden Sexualität? Krankt der Roman wirklich daran?

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