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  • freudholdriesenhar

Beschreibt Desmond Morris den Liebesakt richtig?

Blog 60


„Schön wär's ...“ – wenn Mathilde beim Koitus wirklich zum Höhepunkt käme! Spüren wir nicht bereits über ein halbes Hundert Blogs dem vaginalen Orgasmus nach und sind uns noch immer nicht sicher, ob es ihn überhaupt gibt?

Was aber dem Fass den Boden ausschlägt: Selbst die Wissenschaft – Vorkämpfer und Paladin aller modernen Aufklärung und Erkenntnis – trägt in der Frage wenig zur Erhellung bei, sondern spielt dasselbe doppeldeutige Spiel wie der naive Laiensinn.

In seinem Buch ,Der nackte Affe' von 1967 beispielsweise (,The Naked Ape. A Zoologist's Study of the Human Animal') – einem Schibboleth evolutionsanthropologischer Erkenntnis des vergangenen Jahrhunderts – beschreibt der britische Verhaltensforscher Desmond Morris, Kustos für Säugetiere am Londoner Zoo, aus wissenschaftlich-biologischer Sicht die körperliche Liebe zwischen Mann und Frau des Homo sapiens einschließlich Vorspiel und Geschlechtsakt so eingehend, dass namentlich die spanischen Jesuiten dagegen auf die Barrikaden stiegen. „Der Zoologe Desmond Morris“, so, zitiert von Wikipedia, Volker Sommer über das Werk, „eigentlich aus dem sittenstrengen England, war im Jahre 1967 sogar der west-deutschen Studentenrevolte voraus, als er sein Buch The Naked Ape (Der nackte Affe) veröffentlichte. Denn Morris war ungeniert und verglich, ohne zimperlich zu sein, das Sexualverhalten von Menschen mit dem von anderen Tieren – speziell dem von Affen und Menschenaffen.“

Die von Morris dargestellte Savannen-Hypothese' der menschlichen Evolution gilt dem Vernehmen nach als überholt. Seine coole Beschreibung des Verhaltens der Geschlechter aber dürfte unvermindert aktuell geblieben sein.

Wie folgt: „Nach dem einleitenden Stadium mit seiner Entfaltung optischen und akustischen Gehabes kommt es zu einfachen körperlichen Berührungen, gewöhnlich verbunden mit Handlungen der Fortbewegung, die sich nun jedes Mal, wenn das Paar beieinander ist, ständig und beträchtlich verstärken: Auf Berührungen von Hand zu Hand und von Arm zu Arm folgen solche zwischen Mund und Gesicht und von Mund zu Mund. Es kommt zu wechselseitiger Umarmung, teils im Stehen, teils im Gehen. Häufig beobachtet man spontanes, plötzliches Rennen, einander Jagen, Springen und Tanzen; auch kindliches Spielverhalten taucht wieder auf.

Viele Handlungen dieser Phase der Paarbildung finden in aller Öffentlichkeit statt. Wenn sie jedoch überleitet zur nächsten, der Phase, die der Begattung vorausgeht, beginnt die Heimlichtuerei: Bei den nun folgenden Verhaltensweisen wird so weit wie nur möglich Absonderung von allen übrigen Angehörigen der Art gesucht. In dem der Begattung vorangehenden Stadium, dem Vorspiel, lässt sich feststellen, dass in auffallend zunehmendem Maße die horizontale Körperhaltung eingenommen wird. Die Berührungen von Körper zu Körper steigern sich in ihrer Stärke ebenso wie in der Dauer. Auf ein Liegen Seite an Seite von weniger hoher Intensität folgen immer wieder Berührungen hoher Intensität von Gesicht zu Gesicht. Diese Stellungen können für Minuten, aber auch für Stunden beibehalten werden; währenddem werden die akustischen und optischen Signale allmählich weniger wichtig, die Tastsignale merklich häufiger. Dazu gehören Bewegungen und Druck unterschiedlicher Stärke an und von allen Körperteilen, insbesondere von Fingern, Händen, Lippen und Zunge. Die Kleidung wird nach und nach abgelegt, der Berührungsreiz von Haut zu Haut steigert sich soweit wie nur möglich.

Der Kontakt Mund zu Mund erreicht während dieser Phase höchste Frequenz und größte Dauer; der von den Lippen ausgeübte Druck variiert zwischen sanfter Zartheit und äußerster Heftigkeit. Während der Reaktionen höherer Intensität öffnen sich die Lippen, und die Zunge wird in den Mund des Partners eingeführt; aktive Bewegungen der Zunge sollen die dafür empfindliche Schleimhaut der Mundhöhle reizen. Lippen und Zunge werden auch noch an vielen anderen Stellen des Körpers verwendet, vor allem an Ohrläppchen, Hals und Genitalien. Der Mann wendet sich besonders den Brüsten und Brustwarzen der Frau zu; Berührungen mit Lippe und Zunge gehen über in regelrechtes Lecken und Saugen. Ist es erst einmal dazu gekommen, so werden auch die Genitalien des Partners zum Ziel entsprechender Handlungen, wobei sich der Mann größtenteils auf die Klitoris der Frau, diese sich auf den Penis des Mannes konzentriert, in beiden Fällen jedoch auch andere Körperregionen beteiligt werden.

Außer zum Küssen, Lecken und Saugen wird der Mund auch an verschiedenen Körperstellen des Partners zu Beißhandlungen unterschiedlicher Stärke benutzt, typischerweise zu nicht mehr als einem leichten Knabbern an der Haut, manchmal jedoch zu kräftigem, ja schmerzhaftem Zubeißen.

Zwischen der körperlichen Reizung des Partners mit Hilfe des Mundes kommt es, häufig zugleich mit dieser, zu einer ausgedehnten Beschäftigung mit der Haut. Hände und Finger streichen gleichsam erkundend über die gesamte Körperoberfläche, mit besonderer Berücksichtigung des Gesichts und, bei gesteigerter Intensität, der Gesäß- und Genitalgegend. Wie bei der Berührung mit dem Mund befasst sich der Mann nun wiederum besonders mit den Brüsten und Brustwarzen der Frau. Die Finger betätigen sich bei ihren Bewegungen immer wieder leicht klopfend und streichelnd, greifen aber von Zeit zu Zeit auch sehr kräftig zu, wobei die Fingernägel tief in das Fleisch gegraben werden können. Die Frau kann den Penis des Mannes fassen oder ihn rhythmisch streicheln und so die Begattungsbewegungen simulieren; auf ähnliche Weise reizt der Mann die weiblichen Genitalien, insbesondere die Klitoris, wiederum häufig mit rhythmischen Bewegungen.

Zusätzlich zu den Berührungen mit dem Mund, der Hand und ganz allgemein dem ganzen Körper gibt es bei hoher Intensität des Begattungsvorspiels noch ein rhythmisches Reiben der Genitalien am Körper des Partners. Hinzu kommt in beträchtlichem Ausmaß ein Umschlingen mit und von Armen und Beinen, wobei gelegentlich starke Muskelkontraktionen auftreten, so dass der Körper in einen Zustand hochgespannten Anklammerns gerät, dem Entspannung folgt.“

Hochgespanntes Anklammern, dem Entspannung folgt: Kommt es dabei aber auch zum – vaginalen – Orgasmus der Frau?

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